Das Selbstverständliche kritisch befragen
Wie geht es Ihnen, wenn Sie mit der Forderung konfrontiert werden, die Qualität Ihrer Arbeit nachzuweisen? Gehören Sie zu den Sportlich-Aufgeschlossenen, die sich mit Enthusiasmus dem Wettbewerb stellen und keine Scheu zeigen, mit ihren fachlichen Leistungen (werbe- und publikumswirksam) aufzutrumpfen? Oder gehören Sie eher zu den Still-Zurückhaltenden, die davon ausgehen, es reiche vollkommen, das eigene Potential zu kennen und im alltäglichen Einsatz nachhaltig einzubringen, um fachliche Rechtfertigung und gebührende Anerkennung zu finden? Oder sind Sie der notorische Skeptiker, dem der Ruf nach Qualitätskontrolle eh nur als Deckmantel gilt für Effizienzsteigerung, Kostensenkung und Angebotsabbau – weit entfernt von Förderung der Patientensicherheit?
Die Reaktion auf die Forderung nach Qualitätsnachweis unserer Arbeit ist jedoch keineswegs nur persönlichkeitsabhängig, sondern erfolgt in hohem Mass auch in Abhängigkeit von den Bedingungen unseres Fachgebietes – je nachdem, mit welchen Mitteln unsere Leistungen erbracht werden: Topbemittelte, Minderbemittelte und Mittellose wirken in sehr unterschiedlicher Weise zum Wohl des Patienten. Diese Einteilung ist mitnichten als diskriminierend zu verstehen, sie ist rein deskriptiv gemeint: Es geht um die technisch-apparativen Ressourcen! Qualitätsverständnis und Beurteilung von Qualitätsmessungen divergieren zwingend in den diversen Fachdisziplinen. Das «Handwerk» des Invasiven oder des Radiologen unterscheidet sich in Art und Potenz der Mittel hochgradig von der «Beziehungsarbeit» eines seelischen Grundversorgers – irgendwo dazwischen werden sich die somatischen Grundversorger finden. Galt Qualität bis vor kurzem als selbstverständlicher Bestandteil der Berufstätigkeit nach einer entsprechenden Aus- und Weiterbildung, so wird das Verständnis von Qualität in einer immer komplexeren und vernetzteren Wirklichkeit und im Gegenüber eines mündigen Patienten zunehmend fragwürdig, hinterfragwürdig: Qualität wird zum Begriff für das, was in einem konkreten Kontext von den Involvierten und Betroffenen ausgehandelt, für gut befunden und entsprechend umgesetzt wird – also zum Resultat einer Kooperation.

Das Wesentliche klar im Auge behalten

  • Im Zentrum des Gesundheitswesens steht der Mensch – sei es in der Rolle des Hilfeempfängers oder sei es in der Rolle des Helfenden.
  • Der Mensch bedarf grundsätzlich einer anderen Behandlung als die Maschine: Er gesundet (als Hilfeempfangender) und funktioniert (als Helfender) am besten in einem Klima von minimaler Kontrolle und von maximalem Vertrauen.
  • Das Qualitätsverständnis aus Wirtschaft und Industrie ist nicht übertragbar auf das Gesundheitswesen. Heilung bzw. Leidensminderung ist nie ein Produkt vergleichbar einer Ware, sondern ein Gut, das im Wesentlichen erfahren wird.
  • Massnahmen zur Sicherung, Dokumentation und Kontrolle von Qualität haben im medizinischen Alltag dann Bedeutung, wenn sie als hilfreich und wirksam, sinnvoll und motivierend erfahren werden.

 

Das Erforderliche klug umsetzen

  • In der Bewilligungsverordnung des Regierungsrates Basel-Stadt von 2012 – unter anderem gestützt auf das Gesundheitsgesetz des Kantons aus dem gleichen Jahr – wird in § 26 festgehalten, dass «Fachpersonen und Betriebe die Qualitätsvorschriften der jeweiligen Berufsgattung jederzeit einzuhalten» haben, «jederzeit ein angemessenes Qualitätssicherungssystem nachzuweisen» haben. «Qualitätssicherungssysteme, die von Berufsverbänden anerkannt sind, gelten als angemessen.»
  • In Baselland, wo Selbstdispensation gilt, ist das im Gesundheitsgesetz (GesG) geforderte «geeignete Qualitätssicherungssystem» (§ 50) an die Bewilligung für die Abgabe von Heilmitteln geknüpft. «Der Regierungsrat regelt die fachliche und betriebliche Voraussetzung für die Erteilung der Bewilligung im Einzelnen […] Er berücksichtigt dabei insbesondere die Arzneimittelsicherheit gemäss Heilmittel- gesetz». Laut § 51 führt «die Direktion periodisch und bei Bedarf Inspektionen der im Heilmittelbereich tätigen Betriebe durch, soweit der Kanton hierfür zuständig ist. Sie kann hierzu externe Fachleute beiziehen » bzw. «den Beitritt zu einem regionalen Heilmittelinspektorat beschliessen.»
  • Mit der Revision der Medizinprodukteverordnung (MepV) als Teil des Heilmittelgesetzes im April 2010 werden Aufbereitung und Instandhaltung von Medizinprodukten (z.B. Sterilisation chirurgischer Instrumente) in Arzt- und Zahnarztpraxen neu geregelt. Die Umsetzung des Gesetzes erfolgt auf kantonaler Ebene, wobei es den Kantonsärzten und Kantonsapothekern obliegt, die Modalitäten zu bestimmen.

Als Reaktion auf die gesetzlichen Anforderungen zur Ausübung unseres Berufes hat die Ärztegesellschaft BL folgende massgeschneiderte Projekte entwickel

  • Seit zwei Jahren liegt das in unseren Reihen entwickelte Q-SS (Qualitätssicherungssystem) der AeGBL vor – ein sehr pragmatisches, übersichtliches, kostenloses, minimal aufwandintensives Manual zur Qualitätssicherung der Praxisorganisation, das heisst der Erfassung und Dokumentation der Strukturen und Abläufe in der Arztpraxis.
  • Es bezweckt die Sensibilisierung für praxisrelevante Qualitätsdimensionen wie Arzt-Patient-Interaktion, Praxisräumlichkeiten, Praxismanagement, Personalmanagement, Datenschutz, Patientensicherheit, Gerätemanagement und Hygiene sowie Selbstmanagement. Es appelliert an die Selbstverantwortung und liefert Vorlagen für die individuelle Gestaltung und Ausformulierung von Standards und Richtlinien für die konkrete Praxis. Besonders geeignet erscheint das Instrument zur Implementierung qualitätsbezogener Abläufe bei Praxiseröffnung und bei der Instruierung von neu eintretendem Personal über die gelebte Praxiskultur. (Nähere Infos sind erhältlich über das Sekretariat der AeGBL: fschwab@hin.ch, für Mitglieder über die interne Webseite.)
  • In Zusammenarbeit mit dem Kantonsapotheker ist brandneu das Organisationskonzept zur Qualitätsprüfung «Wiederaufbereitung von Medizinprodukten» in den Arztpraxen definiert worden, welches zum Ziel hat, nicht nur den rein technischen Auflagen für die Wiederaufbereitung Genüge zu tun, sondern gleichzeitig auch Gelegenheit bietet, das Praxispersonal zu schulen – aus der schlichten Erkenntnis, dass perfektes Sterilgut bei nichtperfekter Handhabung gar nichts bringt! (Nähere Informationen zum Konzept finden Sie in dieser Ausgabe!)

Wir möchten an dieser Stelle gern auf zwei weitere Projekte zur Qualitätssicherung in der Arztpraxis hinweisen, die all den Kolleginnen und Kollegen empfohlen werden können, die an einem umfassenden Qualitätsnachweis ihrer Arbeit, namentlich auch im fachlichen Bereich,

  • Zum einen das OptiQ, ein von Kollege Daniel Schädeli in Allschwil, Mitglied des Hausärztevereins Angenstein, über 10 Jahre kontinuierlich entwickeltes Projekt, welches individuell stufenweise ausbaubar ist und einen besonderen Fokus auf Fehlereliminierung bzw. Fehlervermeidung legt. Für interessierte Leser besteht Gelegenheit zur persönlichen Evaluation mittels eines Gratis-Testlaufs: www.optiq-ch.info/signup-demo
  • Zum anderen das Qualitäts-Basis-Modul (QBM), welches vom VEDAG (Verband deutschschweizerischer Ärztegesellschaften) in Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum Qualitätsmanagement der Berner Fachhochschule entwickelt wurde. Eine Demoversion ist zugänglich über: www.vedag.link.ch/QBM_DEMO

Bedenken wir bei allem Engagement: Qualität ist nicht nur das Resultat einer Handlung, sondern ebenso sehr einer Haltung. Wir wirken nicht nur über das, was wir tun und wie wir es tun – wir wirken ebenso sehr dadurch, wie wir sind.

Dr. med. Guido Becker, Leiter Ressort-Q AeGBL

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