Was bedeutet die Senkung der Labortarife für ein medizinisches Labor?

Bei der Erbringung einer medizinischen Grundversorgung auf hohem Niveau nehmen die medizinischen Labore eine zentrale Rolle ein. Im Berufsalltag von Ärztinnen und Ärzten bauen 70% der diagnostischen und therapeutischen Entscheide auf Daten aus der Labordiagnostik auf. Damit wird deutlich, dass eine gute Patientenversorgung nicht im Alleingang, sondern nur gemeinsam erbracht werden kann. Aus diesem Zusammenspiel zwischen Ärztinnen, Ärzten und  medizinischen Laboratorien resultiert eine verbesserte Diagnostik. Dabei hilft die Laboranalytik sowohl bei der Früherkennung von Krankheiten wie auch bei der Beurteilung und der Kontrolle von Krankheits- und Therapieverläufen. Nur dank dieser Kombination von medizinischem Know-how und neuester Labortechnologie kann eine optimale Patientenversorgung auf hohem Niveau erreicht und gesichert werden.
Des Weiteren spielen medizinische Labore in Gesundheitskrisen eine tragende Rolle. Dies machte die Corona-Pandemie deutlich. Nur durch eine effiziente Diagnostik konnte die Pandemie wirkungsvoll bekämpft werden. Gleichzeitig waren die Labore mit ihrer Expertise Ansprechpartner für Ärzte, Behörden und die Öffentlichkeit bei Fragen zur Durchführung und Zuverlässigkeit der Covid-19-Diagnostik.

Frontalangriff des Preisüberwachers auf die Labor-Dienstleistungen Der Preisüberwacher forderte nach Abklingen der Pandemie eine Tarifreduktion um 75%, eine erneute Überprüfung der Tarifdifferenzierung zwischen Praxis- und spezialisierten Laboren und eine landesweite Zentralisierung der Labormedizin. Seine Berechnungen beruhten jedoch vor allem auf falschen Auslandsvergleichen.
Der Bundesrat ging auf die Forderungen des Preisüberwachers ein und hat per 1.8.2022 die Labortarife linear um 10% gesenkt. Von der Tarifsenkung ausgenommen wurden lediglich die «schnellen Analysen» der Hausarztpraxis, die vorläufig nicht angetastet werden. Es ist jedoch zu erwarten, dass auch die Hausarztmedizin stark unter Druck geraten wird. Folglich wird es für Praxislabore schwieriger werden, kostendeckend zu arbeiten und mittel- oder langfristig in neue Gerätschaften zu investieren. Dies wird wohl oder übel zu Einschränkungen des Angebots für die Patientinnen und Patienten führen. Angesichts drohender Tarifkürzungen bei den Praxislaboren wäre es deshalb wünschenswert, dass die beiden Verbände FAMH und FMH gemeinsam gegen unqualifizierte und schädliche Forderungen vorgehen. Nur so kann eine hochstehende Patientenversorgung in diesem Land auch in Zukunft gewährleistet werden.
Diese Intervention kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem steigende Energiepreise und der Fachkräftemangel die Branche bereits vor grosse Herausforderungen
stellen.
Vor diesem Hintergrund haben wir (das heisst: das Labor Rothen) nun verstärkt in die Automatisierung unserer Prozesse und die elektronische Anbindung der Arztpraxen investiert, was bei den meisten anderen Labors gleich sein dürfte. Letzteres bringt zahlreiche Vorteile für alle Beteiligten mit sich. Zum Beispiel fällt das manuelle Eintragen von Personendaten dank einer direkten Verknüpfung zur Praxissoftware weg. Auch das Abwickeln von Aufträgen und Überweisungen sowie das Ausfüllen von Versicherungsformularen werden stark vereinfacht. Nicht zuletzt werden so auch Übertragungsfehler vermieden, die bei einer manuellen Datenübertragung manchmal entstehen. Alle diese Verbesserungen sparen Zeit und Energie, die für die Patientinnen und Patienten eingesetzt werden können.

Gesellschaftlichen Umbrüchen mit Zusammenarbeit begegnen
Nebst den kurzfristigen Massnahmen zur Bewältigung der Tarifkürzungen braucht es eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und demografischen Trends, die das Gesundheitswesen langfristig stark verändern werden. Davon sind Arztpraxen wie auch Labore stark betroffen. Treiber dieser Veränderungen sind nebst der Überalterung der Bevölkerung die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft und die damit zusammenhängende Veränderung des Kundenverhaltens. Beide Trends werden zu noch mehr «mündigen» Patientinnen und Patienten führen, die als Konsumenten medizinische Leistungen konsumieren und ihren Gesundheitsstatus, wenn immer möglich, in Eigenregie kontrollieren wollen. Daraus ergibt sich unter anderem ein Bedarf an niederschwellig erreichbaren dezentralen Gesundheitszentren, die auch politisch gefordert werden.
Das Gesundheitswesen verändert sich derzeit stark und dabei geht es aktuell um viel: Es geht darum, eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung im Interesse der Gesundheit der Bevölkerung zu erhalten. Die Voraussetzung dafür ist, dass alle betroffenen Akteure erkennen, dass man in einer zunehmend vernetzten Welt anstehende Herausforderungen nur gemeinsam meistern kann.

Dr. med. MSc FAMH Claude Rothen

Dr. med. MSc FAMH Claude Rothen

Leiter Labor Rothen