«Der Wachstumszwang»

Als der amerikanische Ökonom und Manage­mentspezialist Dennis Meadows 1972 (zusammen mit weiteren Autoren) im Auftrag des «Club of Rome» den Bericht «Die Grenzen des Wachstums» veröffentlichte, traf er den Nerv und die Stimmung der Zeit, indem er eine weltweite Diskussion über den Sinn und Unsinn von wirtschaftlichem Wachstum auslöste. Die Hauptbotschaft des Buches: «Die Menschheit steht an einem Wendepunkt, weil die Grenzen des Wachstums erreicht sind. In einer endlichen Welt, die von endlichen Ressourcen lebt, kann exponentielles Wachstum, wie es der Nachkriegsboom bis dahin erlebte, nicht von Dauer sein.»

Meadows’ Wachstumskritik fand bei vielen ­Zeitgenossen grossen Anklang und führte zu grundsätzlicher und fundamentaler Systemkritik am Kapitalismus. Gleichwohl haben sich die Schreckensszenarien dieses Buches über die ­Zukunft der Menschheit inzwischen als Fehl­prognosen erwiesen, weil – so die zentrale ­ökonomische Gegenposition – Meadows und sein Team die Rolle von steigenden Preisen als Knappheitssignal völlig unterschätzt hätten.

Trotz dieser Fehlprognose ist die Kritik am Wirtschaftswachstum seither nie mehr abgeflacht. Zu den Kritikern gehört(e) auch Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen. In seinem Buch «Der Wachstumszwang» beschreibt Binswanger das Dilemma moderner (Volks-)Wirtschaften, die ohne Wachstum nicht mehr funktionieren. Im Gegenteil: Wir seien inzwischen – so Binswanger – Getriebene dieses Wachstums. Für eine steigende Zahl von Menschen in reichen Ländern sei mehr materieller Wohlstand kein glaubhaftes Ziel mehr.

Binswanger geht in seinem Buch vor allem der Frage nach, weshalb das so gekommen ist. Kurz zusammengefasst: Es gibt im heutigen weltweiten Wirtschaftssystem nur zwei Alternativen: Wachstum oder Schrumpfung. Einen Mittelweg gibt es nicht. Zu einer Schrumpfung kommt es aber im Normalfall nicht, weil Unternehmen aus eigenem Interesse stets möglichst hohe Gewinne erzielen wollen, was sich wiederum nur mit ständigen Investitionen in neues und besseres Kapital erreichen lässt.

Gleichwohl werden sich die Menschen in hochentwickelten Ländern zunehmend bewusst, dass sie mit noch mehr materiellem Wohlstand nicht glücklicher werden und dass Wirtschaftswachstum die Umwelt belastet. Aus dem Heilsver­sprechen des Wachstums auf eine bessere Zukunft ist eine Zwangshandlung geworden: Wir müssen weiterwachsen, auch wenn wir dies gar nicht mehr wollen.

Die Folge davon: Das Aufrechterhalten des Wachstums in hochentwickelten Ländern er­fordert immer mehr Anstrengungen. Es genügt nicht mehr, vorhandene Bedürfnisse der Kon­sumenten zu decken, sondern es müssen stets neue Bedürfnisse geweckt und befriedigt werden, um den Verkauf weiter anzukurbeln.

Ein Ende des Wachstums ist deshalb trotz stetigen Unkenrufen bis heute nicht in Sicht. Die Weltwirtschaft wächst nach der kurzen Unterbrechung durch die Finanzkrise im Jahr 2009 wieder regelmässig mit Wachstumsraten zwischen 2 und 4 Prozent. Daran hat auch der ­momentan viel diskutierte CO2-Anstieg nichts geändert.

Binswanger kommt zu folgendem Fazit: «Es ist letztlich egal, was wie und wo genau produziert oder gekauft wird. Entscheidend ist nur, dass die Wertschöpfung stets erhöht werden kann … Und es spielt auch keine Rolle, ob die Menschen durch diese permanente Mehrproduktion tatsächlich glücklicher oder zufriedener werden. Es reicht, wenn die Menschen daran glauben, selbst wenn das Glücksversprechen im Kollektiv nicht mehr eingelöst werden kann.»

Bernhard Stricker,
Mitglied der Redaktion Synapse

Mathias Binswanger:
Der Wachstumszwang – Warum die Volkswirtschaft immer weiterwachsen muss, selbst wenn wir genug haben
Wiley-Verlag, Weinheim, 2019, ISBN 978-3-527-50975-1

Mathias Binswanger ist auch Autor des 2006 erschienenen Buches «Die Tretmühlen des Glücks», in dem er seine Erkenntnisse als Glücksforscher über den Zusammenhang zwischen Glück und materiellem Wohlstand darlegt. Dieses Thema war auch Gegenstand eines Interviews, das die Synapse 2019 mit Binswanger führte.

Das ganze Interview kann nachgelesen werden in der Synapse 6/2019:
https://synapse-online.ch/portfolio-items/ausgabe-2019-06-2/