Wir wollen ja nicht klagen, aber wundern dürfen wir uns schon
Liebe Leserinnen, liebe Leser
Da rekrutieren wir durch den kontraproduktiven und weiterhin untauglichen Numerus clausus viel zu wenig Medizinstudierende und gleichzeitig gibt ein substanzieller Teil von diesen das ärztliche Berufsziel bereits während des Studiums wieder auf. Einmal im Spital angekommen, werden unsere Assistenzärztinnen und -ärzte grösstenteils für administrative Aufgaben zweckentfremdet, was bei ihnen zu Überbelastung und Frustration und letztlich zur Berufsaufgabe führt. Sind die Übriggebliebenen an der Praxis-Front (z. B. in der Grundversorgung) angekommen, werden sie durch eine zunehmende Bürokratie, durch die Abwertung des (für eine adäquate Up-front-Diagnostik so wertvollen) Praxislabors, durch inadäquate Notfall- und Dringlichkeitspauschalen und durch eine Flut von Regulierungen und Inspektionen fortlaufend desillusioniert. Dazu kommt eine jahrelang verzögerte Einführung des TARDOC. Durch die Zulassungsregulierung werden die Ausbildungskliniken aufhören, Nachwuchs auszubilden, was mittel- und längerfristig auch in den heute noch gut dotierten Fächern zu Mangel führen wird.
Statt unser Gesundheitssystem schlanker zu machen, führt ein Heer von Codierern, Klinikmanagern, Zertifizierern, Qualitätssicherern und Inspektoren dazu, Abläufe zu verkomplizieren und zu verteuern, ohne einen Mehrwert für unsere Patientinnen und Patienten zu generieren.
Dazu kommt eine verfehlte und manipulierte Diskussion über die sogenannte «Kostenexplosion» im Gesundheitswesen. Die von der FMH wiederholt zitierten Zahlen und Statistiken des Bundesamtes für Statistik sind klar. Die Kosten steigen seit über zwanzig Jahren linear, sind bei höherer Qualität vergleichbar mit dem grenznahen Ausland und wie Studien zeigen problemlos verkraftbar für eine gesunde Volkswirtschaft (Wertschöpfung).
Wir haben einen Exzess von Verordnungen und Regulationsmassnahmen, deren Effekt niemand überblickt, die aber das System destabilisieren. Wir haben einen überproportionalen Anstieg der Prämien mit der dadurch zunehmenden Belastung des Mittelstandes und einem daraus folgenden desaströsen politischen Aktivismus.
Dabei gäbe es durchaus gangbare Lösungsansätze: Sinnvolle Implementierung von EFAS, dann sollte DRG mit dessen Auswirkungen infrage gestellt werden (Australien und Deutschland tun dies bereits), die nicht zuletzt dadurch entstandenen Fehlanreize korrigiert und neue Modelle wie Hospital @ Home und Home Monitoring gefördert und adäquat vergütet werden. Die Einführung des TARDOC (ohne die ungenügend ausgearbeiteten ambulanten Pauschalen) ist überfällig, ebenso sollte die Finanzierung überdacht werden (alleine die jährlichen Kassenwechsel kosten 400 Millionen).
Fazit: Es gibt keine «Kostenexplosion». Wir sollten keine einseitige Diskussion der Kosten führen ohne gleichzeitige Betrachtung des Nutzens.
Genau das tun wir in dieser Ausgabe der Synapse. Das Beratungsunternehmen INFRAS war 2012 eines der ersten, die nicht nur die Kosten, sondern auch den Nutzen des Gesundheitswesens (in einer Studie für die SAMW) thematisierten. Leider wurde diese Studie seither nicht mehr aktualisiert. Statt diese nun aber nochmals «aufzuwärmen» und die Ergebnisse von damals zusammenzufassen, haben wir uns in der Redaktion entschieden, INFRAS um ein Interview zu bitten, in dem die aktuellen Erkenntnisse und Forschungsergebnisse zu Kosten und Nutzen des Schweizer Gesundheitswesens zur Sprache kommen sollten. Lesen Sie das Interview gleich hier anschliessend.
Mit herzlichen Grüssen und viel positiver Energie
Dr. med. Tobias Eichenberger,
Präsident Ärztegesellschaft Baselland,
Mitglied der Redaktion Synapse

Tobias Eichenberger
Präsident Ärztegesellschaft Baselland,
Mitglied der Redaktion Synapse

