Beispiele staatlicher Medizin
Wenn man sehen will, was staatliche Medizin bedeuten kann, ist ein Blick in jene ehemals kommunistischen Länder Europas aufschlussreich, in denen die Medizin bis heute staatlich ist.
Alle nun folgenden Beispiele stammen von persönlichen Bekannten von mir, alle aus Ländern des ehemaligen Ostblocks, und zwar aus solchen, die nicht zu den ärmsten gehören. Die aufgeführten Beispiele sind keine Ausnahmefälle, sondern die Regel – wie man mir jeweils achselzuckend bestätigte, wenn ich als Schweizerin fassungslos dastand und den Mund nicht mehr zubekam.
Vier alltägliche Beispiele:
Ältere Frau mit globaler Herzinsuffizienz, 11 Liter Wasser in Körper und Lungen (Atemnot), Ödeme im Dorf-Gesundheits-Ambulatorium nicht erkannt (obwohl augenfällig). Lasix p.o. (von mir eigenmächtig im Sinne einer «Verzweiflungstat» gegeben) wird nicht mehr resorbiert. Also Notfallhospitalisation in der 45 Minuten entfernten Grossstadt, veranlasst durch einen engagierten Spezialarzt. Therapie im Spital: einmalig Lasix i.v. und Entlassung nach ungefähr 4 Stunden (mitten in der Nacht) in noch immer miserablem Allgemeinzustand. Keine Neubeurteilung, keine Medikamenteneinstellung, keine Nachbetreuung.
Ältere Frau mit Fraktur des linken Arms nach Stolperunfall: Alle Röntgengeräte in der nahen Kleinstadt sind defekt (wie üblich), also mit dem Privatauto ins Zentrumsspital der nächsten Grossstadt. Dort in völlig überhitztem Gang 2 Stunden warten. Dann 2 Minuten Konsultation bei einem Arzt, der Verdacht auf eine Fraktur äussert und ins Röntgen überweist, um eine Dislokation auszuschliessen. Wieder im Gang warten, diesmal 1½ Stunden, Hitze und kein Ventilator. Fraktur wird bestätigt, ist nicht disloziert. Das Gipsen geht dann erstaunlich schnell und wird einwandfrei gemacht. Einen Ventilator gab es auch zwei Jahre später noch nicht.
Älterer Mann, adipös, mit schwerster Hüftarthrose links, rechts wurde schon erfolgreich operiert. Invalidisierende Schmerzen, Gefahr eines Pfannendurchbruchs, darum grösstmögliche Schonung bis zur OP. Die OP ist also dringlich, was konkret bedeutet: 9 Monate warten auf Termin. Also 9 Monate Schonung und Schmerzmittel. Nach erfolgreicher OP zwei Wochen stationäre Reha mit Physiotherapie. Die anschliessend noch nötige ambulante Physiotherapie (in städtischer Umgebung) scheitert daran, dass der erste freie Termin 14 Monate später ist.
Frau mittleren Alters mit Mamma-CA bei Zustand nach OP und Chemotherapie, danach Hormontherapie. Im Verlauf klinisch Verdacht auf ein Rezidiv. Frühestmöglicher Termin für ein CT: 6 Monate später (mit «Schmieren» 3 Monate). MRI wäre noch länger gegangen.
Tiefgehende Misere
Im Gesundheitsambulatorium darf ein Arzt für eine Konsultation maximal 5 Minuten aufwenden. Termine abmachen ist an den meisten Orten nicht möglich, also warten die Patienten stundenlang in Gängen. Die Löhne der Ärzte sind meist viel zu tief im Verhältnis zur verantwortungsvollen Arbeit.
Auf dem Land kann eine Blutuntersuchung einen Riesenaufwand mit sich bringen: 1. ins Ambulatorium (Wartezeit um 2 Stunden). 2. Dort eine ärztliche Überweisung abholen. 3. Telefonieren mit dem Labor in der nächsten Kleinstadt und Termin abmachen. 4. Organisieren, wie man (meist keine ÖV) in die Kleinstadt kommt. 5. Trotz abgemachtem Termin vor dem Labor warten (dabei den Nachbarn, der als Privat-Taxi-Fahrer fungiert, bei Laune halten). 6. Einige Tage abwarten, bevor man wieder ins Ambulatorium geht (dort Wartezeit um 2 Stunden), und hoffen, dass die Resultate in der Zwischenzeit eingetroffen sind. – Merke: Auch wenn es sich nur um einen Harnsäure-Verlaufswert bei Gicht handelt, ist der Aufwand der gleiche.
Warum die medizinische Versorgung nicht zusammenbricht: Privatärzte
Die medizinische Versorgung funktioniert in diesen Ländern nur dank Privatärzten einigermassen. Man muss sie meistens direkt bezahlen. Diese Ärzte sind fast ausnahmslos sehr engagiert, behandeln die Patienten als Menschen und nicht nur als Nummer und nehmen sich auch mehr als 5 Minuten Zeit für sie. Das Problem: Viele Patienten können sich das finanziell nicht leisten. Und letztlich verdienen auch diese Ärzte nur knapp am Limit, weil sie immer wieder finanzschwachen Patienten einen Teil der Kosten erlassen.
Ich bewundere meine Kollegen, die trotz widriger Umstände den Beruf nicht aufgeben und auch nicht ins Ausland abwandern, sondern sich mit teilweise übermenschlichen Anstrengungen für das Wohl ihrer Patienten einsetzen!
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