Interview mit Saskia Schenker, Direktorin «prio.swiss»

«Ich bezweifle stark, dass die Ärztinnen und Ärzte statt der Tarifpartnerschaft lieber eine grosse nationale Behörde wollen»

Saskia Schenker: Seitens prio.swiss sind wir überzeugt davon, dass Versicherer und Leistungserbringer möglichst viel selbst gestalten sollten, bevor der Regulator weiter tätig wird. Beidseits sind wir Tarifpartner stark durch die ­allseits kritisierte Bürokratie belastet und das nimmt nicht ab, wenn der Staat weiter reguliert. So haben wir zum Beispiel auch die Motion 25.3533, SGK-N: «Qualität sichern, Kosten sparen: raschere Fallbeurteilung von psycholo­gischen Psychotherapien» abgelehnt, da eine Begrenzung der Sitzungen auf 15, bevor eine Kostengutsprache fällig ist, die Kostenzunahme nicht bremsen würde, sondern erheblichen ­zusätzlichen bürokratischen Aufwand bei den Versicherern und den Leistungserbringern befürchten lässt.

Wir sehen übrigens grosses Gestaltungspotenzial in den integrierten Versorgungsmodellen. Hier liefern die Krankenversicherer gemeinsam mit den Leistungserbringern den Beweis, dass Leistungen im aktuellen System bei mindestens gleich guter oder sogar verbesserter Behandlungsqualität kostengünstiger durchgeführt ­werden können.

Ganz grundsätzlich stehen wir zum föderalen Gesundheitssystem, da die Kantone näher bei den Menschen sind als die Bundesebene. Gleichzeitig müssen in der Spitalplanung rascher Fortschritte zugunsten von mehr Spezialisierung und damit auch höherer Fallzahlen sowie weniger Doppelspurigkeiten erfolgen. Hier besteht viel Potenzial für bessere Qualität und gleichzeitig Kostendämpfung zugunsten anderer Versorgungsmodelle. prio.swiss unterstützt deshalb auch die Motion, die vom Bundesrat die Prüfung einer subsidiären Kompetenz des Bundes verlangt, wenn die Kantone keine erkennbaren Fortschritte erzielen.

Wir erwarten zudem, dass die Einführung der einheitlichen Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen zu mehr Aufmerksamkeit der Kantone für die Ambulantisierung und mehr Verantwortungsgefühl für die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte führt.

Ja, wir sind zudem überzeugt, dass der Wett­bewerb unter den Krankenversicherern dank der Wahlfreiheit der Versicherten einen starken ­Anreiz schafft, optimale Serviceleistungen in ­effizienten und digitalisierten Prozessen zu möglichst attraktiven Prämien anzubieten. Das fördert eben gerade auch die Entwicklung neuer Versicherungsmodelle gemeinsam mit innova­tiven Leistungserbringern.

Gleichzeitig leben wir eine Tarifpartnerschaft auf Augenhöhe. Ich bezweifle stark, dass die Ärztinnen und Ärzte statt der Tarifpartnerschaft lieber eine grosse nationale Behörde wollen, die die Tarifstrukturen und die Preise festsetzt. Die Verwaltungskosten der Krankenversicherer sind heute schon besonders tief, insbesondere dank dem Wettbewerb und trotz Regulierungszunahme. Sie betragen 4,6 Prozent. Diejenigen der SUVA und der IV sind mehr als doppelt so hoch. Ich denke, das besagt alles in Sachen Effizienz und Kosteneinsparpotenzial.

Das eigentliche Kerngeschäft auf dem Schiff ist das Operieren: Die Arbeit an Bord zentriert sich auf drei Operationssäle und sechs Chirurgen, die in Zweierteams arbeiten, meist ein erfahrener und ein jüngerer Chirurg. Die Arbeit auf dem Schiff wird von allen, Ärzten, OP-Personal, Pflegerinnen und Pflegern, Küchenpersonal etc., ­ehrenamtlich geleistet, von der Organisation werden Kost und Logis sowie die An- und Rückreise übernommen. Meine persönliche Situation war die, dass ich für die Zeit meines Sabbaticals vom Arbeitgeber in der Schweiz, dem Spital Dornach, grosszügigerweise 60% des Lohnes erhielt.

Operiert wird verschiedenes, in Abhängigkeit von den sich auf dem Schiff befindenden je­weiligen Teams und ihren Fachspezialitäten: Ein grosses Patientengut kommt wegen meist gut­artiger, aber entstellender Neoplasien im Gesicht-/Kieferbereich und wird von MKG-Chir­urgie-Teams operiert – notabene ohne eine präoperative Bestrahlung oder Embolisierung, wie dies bei uns wegen der Blutungsgefahr aufgrund der ausgeprägten Vaskularisierung üblich ist. Kropf- und Schilddrüsenchirurgie ist ebenfalls häufig. Ein grosser Bedarf besteht in der Versorgung von Klumpfüssen und Beindeformitäten, wie sie z. B. bei Rachitis und beim Morbus Blount insbesondere im südlichen Afrika gehäuft vorkommen. Ein Kinder-Orthopäden-Team aus UK kommt regelmässig auf das Mercy Ship und versorgt diese Kinder mittels Osteotomien, Kirschnerdrähten und Gips – Implantate werden generell nicht verwendet, da die Möglichkeit der Nachkontrolle fehlt. Die Motivation ­dieser Teams ist einerseits altruistisch, andererseits ­sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass man dieses Patientengut bei uns heutzutage gar nicht mehr sieht! Das Vorher-nachher-Röntgenbild ist dann das unmittelbar sichtbare, erfreu­liche Ergebnis für das Team auf dem Schiff. Und in der Realität der Betroffenen bedeutet dies eine neue Zukunft in ihrer Community, die sie zuvor aufgrund der körperlichen Entstellung ­geächtet und aus Schule und Gesellschaft ausgestossen hatte. Das strahlende Lachen dieser Kinder, die wieder laufen und dabei sein dürfen, ist der wunderbare Dank.

Die Rekrutierung der Patienten erfolgt durch ein fachlich geschultes Team aus dem Gesundheitspersonal. Meist sind es Krankenschwestern, die mit Land-Rovern durch Madagaskar in die ab­gelegenen Dörfer fahren und dort Patienten vorselektionieren, sie auf die Warteliste nehmen oder wenn möglich gleich auch mitnehmen. Im sog. HOPE-Center am Hafen, an Land, be­stehend aus einfachen Häusern, leben und ­warten diese Menschen, u.U. zusammen mit ­einem Familienangehörigen, auf den Screening-Tag durch die Schiffsärzte. An den Screening-­Tagen selbst geht man als Chirurg für sein ­Fachgebiet in ein dafür eingerichtetes Zelt am Hafen, wo sich die Patienten einer genauen ­Untersuchung und Analyse unterziehen und bestenfalls in das Operationsprogramm der kommenden 14 Tage aufgenommen werden.

Auch postoperativ steht das HOPE-Center als kurzzeitiger Wohnort den Patienten zur Ver­fügung, z. B. für nötige Nachkontrollen. Ausser bei kleinen Kindern kommen Familienmitglieder nicht selbst mit auf das Schiff.

Der Prozess ist vollzogen und prio.swiss darf 100 Prozent der Krankenversicherer und damit der Versicherten in der Schweiz mit einer Stimme vertreten. prio.swiss ist die einzige Tarifstrukturpartnerin und für die Verhandlungen der Tarifstrukturverträge zuständig. Wir konnten im ersten Jahr von prio.swiss in diesem Bereich einige wichtige Resultate vorweisen. Neben Korrekturen im ambulanten Arzttarif, die wir gemeinsam mit der FMH und H+ in einem ausserordent­lichen Prozess beim Bundesrat eingereicht hatten, konnten wir mit Pharmasuisse die Verhandlungen zur neuen Apotheker-Tarifstruktur LOA V abschliessen und per 1. Januar 2026 ­einführen. Zudem konnten wir Ende 2025 gemeinsam mit der FSP und H+ auch die neue ­Tarifstruktur für die psychologische Psycho­therapie beim Bundesrat einreichen. Ebenso die neue Tarifstruktur für die Podologie. Aktuell ­arbeiten wir unter Hochdruck an der 1. Revision der ambulanten Arzttarifstruktur. Es geht also vorwärts und wir leben die Tarifpartnerschaft.

Die Krankenversicherer sprechen mit einer Stimme und prio.swiss vertritt damit 100 Prozent der Prämienzahlerinnen und Prämienzahler. Wir agieren partnerschaftlich und auf Augenhöhe. Auch wenn wir in der Sache hart ver­handeln – wie die Leistungserbringer auch, – so verstehen wir die gegenseitigen Anliegen und bekennen uns zum Grundsatz, Lösungen finden zu wollen. Nur so und gemeinsam erreichen die Tarifpartner echte Fortschritte im Gesundheitswesen. Damit konnten wir im ersten Jahr von prio.swiss schon einige Blockaden lösen. Das motiviert mich und unser ganzes Team.Die Krankenversicherer sprechen mit einer Stimme und prio.swiss vertritt damit 100 Prozent der Prämienzahlerinnen und Prämienzahler. Wir agieren partnerschaftlich und auf Augenhöhe. Auch wenn wir in der Sache hart ver­handeln – wie die Leistungserbringer auch, – so verstehen wir die gegenseitigen Anliegen und bekennen uns zum Grundsatz, Lösungen finden zu wollen. Nur so und gemeinsam erreichen die Tarifpartner echte Fortschritte im Gesundheitswesen. Damit konnten wir im ersten Jahr von prio.swiss schon einige Blockaden lösen. Das motiviert mich und unser ganzes Team.

Ich führe den Verband gemeinsam mit der Geschäftsleitung operativ im Auftrag der Mit­glieder und im Rahmen unserer Verbandsstrategie. Bei prio.swiss sind die Mitglieder eng in die Erarbeitung unserer Entscheide eingebunden. Wir führen diverse Arbeitsgruppen, in welchen sie ihre Expertise und Meinungen einbringen und unsere Positionen ausdiskutiert werden. Meine Hauptaufgabe ist es, die richtige Balance zwischen Führen und Vermitteln oder Aus­gleichen zu finden und sicherzustellen, dass wir vorwärtskommen.

Die Fragen stellte Bernhard Stricker, Mitglied Redaktion Synapse

Die Interviewpartnerin:

Saskia Schenker, lic.rer.soc.

Seit 1.5.2025 Direktorin des Dachverbandes der Schweizer Krankenversicherer prio.swiss.