Der Schritt in die Praxis und Selbstständigkeit

Den Entscheid für eine selbstständige Praxis­tätigkeit bereue ich bis heute nicht. In den über 25 Jahren ist es zu einigen Veränderungen gekommen. Einzelpraxen nehmen ab, Gruppenpraxen nehmen zu. Mehr Kolleginnen und ­Kollegen sind in einem Angestelltenverhältnis ­tätig. Dabei gilt es zu ­beachten, wem die Praxis und/oder deren Einrichtung gehören und wer die Praxis fachlich ­leitet. Auch die Rechtsform der Praxis ist zu beachten (einfache Gesellschaft(en), GmbH, AG, Genossenschaft, …). ­Einige Kolleginnen und Kollegen wagen auch erst nach einigen Jahren Anstellung den Schritt in die Selbstständigkeit. Es besteht ein Mangel an Hausärztinnen und ­-ärzten, Kinderärztinnen und -ärzten, Kinder- und Jugendpsychiaterinnen und -psychiatern und an Psychiaterinnen und Psychiatern. Ein Mangel in weiteren Fachrichtungen wird folgen.

Ein idealer Weg, um die Praxistätigkeit kennenzulernen, sind Praxisassistenzen. Hat ein Kanton ein Versorgungsproblem, sollte er, unter Ein­bezug der kantonalen Ärztegesellschaft, Praxis­assistenzstellen fördern. Nach einer initialen, ­enger begleiteten fachlichen Weiterbildung, in der Regel im stationären Bereich, kann der Schritt in eine Praxisassistenzstelle gewagt ­werden. Der Ausbildung im ambulanten Bereich kommt auch zunehmend eine Bedeutung zu, sei es nun, dass Spitäler weniger Stellen anbieten können (Finanzdruck, trotz Finanzbeiträgen für die Assistenzarztweiterbildung) oder dass häufige und deshalb relevante Routineeingriffe in den operativen Disziplinen vorwiegend nur noch ambulant erfolgen.

Nach der Praxisassistenz in einer Praxis zu verbleiben, initial in einem Angestelltenverhältnis, kann einiges einfacher machen. In diesem Falle kommt z. B. auch eine Goodwill-Zahlung für den Patientenstamm in der Regel nicht zum Tragen. Will man eine Praxis übergeben, muss man in der heutigen Marktsituation überlegen, wie die Praxis attraktiv sein kann für einen Einstieg und eine partielle oder komplette Übernahme. Die Einforderung einer Goodwill-Zahlung gehört ­sicher nicht dazu.

Was aber sicher lohnend ist: bei einem Einstieg von unabhängiger Seite Praxiswertschätzungen zu veranlassen. Dies fördert die Transparenz. Generell gilt es zu überlegen, wie sich Risiken minimieren lassen und wie der anfallende Kapitalbedarf gut bewältigt werden kann. Letztlich bestimmen Vertrauen und Niederschwelligkeit auch das Gelingen einer Praxisübergabe.

Auch eine Altersstaffelung kann einen Einstieg und/oder eine Übergabe erleichtern, in Gruppenpraxen beispielsweise. Ebenfalls nicht un­erheblich: das Praxispersonal. Langjähriges, erfahrenes Praxispersonal, das die Patientinnen und Patienten sehr gut kennt und von Letzteren auch sehr geschätzt wird, ist ein wesentlicher Faktor. Insbesondere in der heutigen Zeit, in welcher auch auf dieser Ebene ein Mangel ­besteht.

Der Arztberuf, noch ein freier Beruf? Je nach Spezialität, insbesondere in der Hausarzt­medizin, sieht man ein sehr breites Spektrum an Patientinnen und Patienten. Gerade diese grosse Varianz erfordert genug Handlungsspielraum, um adäquat auf den Patienten reagieren zu können. Historisch gesehen entwickelten sich die freien Berufe aus akademischen Tätigkeiten, die aufgrund ihrer Gemeinwohlorientierung nicht gewerblich reguliert wurden. Gerade deshalb ist es verständlich, dass die ausufernde ­Bürokratie zurückgebunden werden muss. Sie führt weniger zu Qualitätsverbesserung, sondern vielmehr zu mehr Berufsausstiegen, mehr Ineffizienz und schlechterer Patientensicherheit (wie zur problematischen Medikamentenver­sorgung in der Schweiz).

Wichtig ist, dass Sie sich Zeit lassen bei der Übergabe, dass man sich kennenlernen kann. Ist es denn auch wirklich stimmig für beide ­Parteien? Es gilt, möglichst viel Druck heraus­zunehmen aus einem Prozess, der heute schon mit vielen Auflagen verbunden ist wie dem ­Einholen zahlreicher Bewilligungen beispielsweise.

Die Berufsverbände setzen sich dafür ein, dass die Praxistätigkeit weiterhin sinnhaft und attraktiv bleibt. Es ist aber nicht verboten, dass sich auch Bund, Kantone und Gemeinden fragen, was die Gründe sein könnten, weshalb sie noch eine gute Versorgung haben oder weshalb ihnen diese schon weggebrochen ist oder gerade ­daran ist, sich aufzulösen. Auch hier könnte es sich lohnen, auf nationaler, kantonaler und Gemeindeebene den Dialog mit der Ärzteschaft und deren Verbänden und Gesellschaften zu ­suchen, bis hin zum einzelnen Arzt und zur einzelnen Ärztin auf Gemeindeebene. Gemeinsam lassen sich Ziele einfacher erreichen.

Dr. med. Carlos Quinto, MPH

Mitglied der Redaktion Synapse