Praxisübergaben – Herausforderung und Chance zugleich

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Leserinnen und Leser

Die Übernahme oder Übergabe einer ärztlichen Praxis ist für viele von uns ein Meilenstein – beruflich wie persönlich. In der Region Basel, aber auch schweizweit sehen wir eine sich wandelnde ­Versorgungslage: Einerseits steht eine überalterte Ärzteschaft vor dem Ruhestand, andererseits ­begegnen wir regulatorischen Einschränkungen wie lokalen Zulassungsstopps und einem angespannten Arbeitsmarkt für selbstständig tätige Ärztinnen und Ärzte. Dieser Strukturwandel birgt sowohl Risiken als auch grosse Chancen.

Die selbstständige Tätigkeit bietet ein einzigartiges Potenzial, medizinische Strukturen aktiv zu ge­stalten, statt nur darin mitzuwirken. Sie eröffnet die Freiheit, eigene Schwerpunkte zu setzen, Abläufe effizient zu organisieren und innovative ­Konzepte zu realisieren – weitgehend unabhängig von den langsamen Mühlen institutioneller Systeme. Viele junge Kolleginnen und Kollegen suchen genau diese Autonomie, um eigene Ideen umzusetzen und sich von starren Rahmenbedingungen zu lösen.

Eine Praxisübernahme kann dabei ein sinnvoller Einstieg in die Selbstständigkeit sein: Ein bestehender Patientenstamm, etablierte Abläufe und eine vertraute Infrastruktur reduzieren das Anfangs­risiko im Vergleich zur Neugründung. Doch dieser Weg ist keineswegs risikolos. Viele Praxen sind technisch veraltet und erfordern erhebliche Modernisierungen; Kaufpreise für Inventar und Goodwill liegen häufig im hohen Bereich, ohne dass der wirtschaftliche Erfolg garantiert wäre. Eine nüchterne betriebswirtschaftliche Analyse ist deshalb unerlässlich.

Zudem ist mit der Übernahme nicht nur medizi­nische, sondern auch unternehmerische Ver­antwortung verbunden: Personalführung, administratives Management, Versicherungs- und Finanzfragen sind tägliche Herausforderungen. Gute ­Mitarbeitende zu finden und zu halten – in Zeiten des Fachkräftemangels – verlangt Zeit, Führungsstärke und oft kreative Lösungen. Zugleich kann ein engagiertes Team ein entscheidender Wettbewerbsvorteil und eine Quelle beruflicher Erfüllung sein, wenn es gelingt, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Nicht zuletzt ist die kantonale Regulierung zu beachten: Berufsausübungsbewilligung, Zulassung zur Abrechnung über die obligatorische Krankenpflegeversicherung und lokale Bewilligungsver­fahren sind unerlässliche Voraussetzungen für die selbstständige Tätigkeit. Eine frühzeitige Ausein­andersetzung mit diesen Aspekten schützt vor Verzögerungen und Frustrationen.

Insgesamt gilt: Eine Praxisübergabe ist kein Selbstläufer, sondern ein Projekt, das sorgfältige Vorbereitung, realistische Einschätzung und strategische Entscheidungen verlangt. Gleichzeitig eröffnet sie Chancen, die eigene berufliche Zukunft aktiv zu gestalten – mit einem direkten Einfluss auf die ­Versorgung unserer Patientinnen und Patienten. In einer Zeit, in der insbesondere die hausärztliche Versorgung auf dem Land wie in urbanen Zentren unter Druck steht, können wir mit intelligenten Übergaben und Nachfolgen dazu beitragen, dass qualitativ hochwertige ambulante Medizin weiter besteht und sich weiterentwickelt.

PD Dr. med. Dominic Mathis

Mitglied der Redaktion Synapse