So gelang die Übergabe einer Dorfpraxis

Dies zum Voraus: Eine sachliche Regelung mit einem Vertrag durch einen externen Berater ist selbstverständlich Voraussetzung, aber alle Regeln und Verträge funktionieren nur, wenn es auf der Beziehungsebene stimmt oder wenn zumindest ein faires Verhältnis besteht.

Unsere gemeinsame Zeit begann 2012 mit einer Anstellung von M. G. in der hausärztlichen Dorfpraxis in Ziefen von E. R. – 2015 erfolgte die Praxisübergabe an M. G., womit der ehemalige Inhaber E. R. zum Angestellten wurde. Der Wechsel wurde vom langjährigen Treuhänder der Praxis begleitet. E. R. arbeitete mit einem ­Teilpensum weiter bis zur Pensionierung 2018. Während eines Gesprächs hielten die Partner Rückblick und versuchten dabei einige wichtige Punkte hervorzuheben.

M. G. kam mit einer ausgezeichneten Ausbildung in die Praxis inklusive Praxisassistenz in einer ­Gruppenpraxis. Er arbeitete von Beginn an vollkommen gleichberechtigt, investierte auch ausserhalb der Sprechstunde viel, führte die elektronische KG ein, kümmerte sich um das Labor und plante bald den Umzug in eine neue Praxis (grössere Räume). E. R. gab ihm den nötigen Freiraum und viel Anerkennung für seine engagierte Mitarbeit. Auf der anderen Seite übernahm E. R. gerne Vertretungen ­während der Abwesenheit seines Nachfolgers (Ferien, junge Familie, Kurse etc.).

M. G. wurde in kurzer Zeit automatisch zur «Nr. 1», was E. R. erlaubte, ins zweite Glied zurückzutreten respektive sich zurückzunehmen. Beide profitierten in den gemeinsamen Jahren enorm von dieser ­Konstellation. Der jüngere Partner übernahm nicht nur sachlich, sondern auch persönlich viel vom Stil des älteren, was von den langjährigen Patienten enorm geschätzt wurde. Die Mischung aus er­fahrenem Hausarzt und modern ausgebildetem jungem Arzt war ideal. Mit etwas Wehmut, aber auch Erleichterung verabschiedete sich E. R. mit siebzig Jahren von seiner geliebten Arbeit.

Stichwortartig seien die wichtigsten Erfahrungen für eine Praxisübergabe zusammengefasst:

• Die gegenseitige Wertschätzung ist vielleicht das Wichtigste. Was weiter hilft, ist das ­rasche Ansprechen von eventuellen «Verstimmungen». Dazu kommen Toleranz, Humor und eine offene Fehlerkultur.

• Die Andersartigkeit der Person (andere Stärken, andere Schwächen) kann enorm be­fruchtend sein. Damit kommen neue Ideen und Impulse in die Praxis. Neue Ideen sind keine Kritik am ­Bestehenden! Demzufolge ist die Offenheit für Neues vonseiten des ­ehemaligen Inhabers ganz wichtig.

• Die Verfügbarkeit betreffend Notfälle, Dienste, Telefon zu Hause etc. wechseln von Generation zu Generation. Das gilt es aus Sicht der älteren Generation zu verstehen! Nicht mit alten Ellen messen, sondern die neuen Zeiten akzeptieren. Es ist wichtig, dass der ehemalige Praxisinhaber Patienten loslassen kann. Noch besser, wenn er die Patienten aktiv ermutigt, zum Nachfolger zu wechseln.

• Probleme mit dem Personal sollen unbedingt vor der Übergabe geklärt werden. In unserem Fall war es eine (schmerzhafte) Kündigung ­einer ­Mitarbeiterin. Keine Altlasten zurück­lassen!

• Eine Übergangszeit zur Prüfung der Zusammenarbeit ist ideal. In einem früheren Fall hat sich die angestellte Hausärztin zusammen mit E. R. nach gut drei Jahren entschlossen, die Mitarbeit einzustellen (was sich im Nachhinein als für beide Seiten richtig erwies).

Persönliche Bemerkung von E. R. zum Schluss: Für mich waren die rund sieben Jahre zusammen mit M. G. die Krönung des Lebens und Arbeitens als Hausarzt. Dafür bin ich enorm dankbar, was übrigens auch für die Patientinnen und Patienten galt. M. G. führt die Praxis jetzt mit zwei Kollegen derart souverän, dass ich im Dorf mein ­drittes Leben als «normaler Nachbar» leben darf. Es ist doch immer das Gleiche: Ob Bauer, Garagist, Architekt – jeder «Alte» ist stolz, wenn sein Betrieb weiter floriert.

Dr. med. Edy Riesen ist pensionierter Hausarzt,
Dr. med. Mathis Grehn ist Hausarzt, beide sind wohnhaft in 4417 Ziefen