Von der Klinik in die Praxis – die Sicht eines Neueinsteigers

Viele von uns stehen im Verlauf ihres Berufs­lebens an Weggabelungen – zwischen ange­stellter ­Tätigkeit und dem Wunsch nach Auto­nomie, zwischen etablierten Systemen und dem Mut, Neues aufzubauen. Meine eigene Erfahrung mit dem Einstieg in die Gemeinschafts­praxis Clarahof in Basel und Reinach, einer seit knapp 40 Jahren erfolgreichen Institution für ortho­pädische Chirurgie und Sportmedizin, war genau ein solcher Wendepunkt.

Dass ich Teil dieser Gemeinschaft werden würde, war eher zufällig. Über einen gemeinsamen Kontakt erhielt ich die Anfrage von Dr. Graf, am Generationenwechsel mitzuwirken – einer Phase, in der die Kontinuität der Versorgung ­genauso wichtig ist wie die Weiterentwicklung bestehender Strukturen. Zu diesem Zeitpunkt war ich grundsätzlich sehr zufrieden mit meiner Tätigkeit im öffentlichen Haus. Dort wurde ich umfassend gefördert, konnte mich fachlich und persönlich weiterentwickeln und war in ein strukturiertes und engagiertes Team einge­bettet. Doch nach über zehn Jahren war für mich zunehmend klar, dass eine langfristige ­Karriere im öffentlichen Spitalumfeld nicht ­meinen beruflichen Zielen entsprechen würde: Die Entscheidungswege und Abläufe waren oft durch vielfache Rollen, Gremien und Hierarchieebenen geprägt. Diese gewährleisteten zwar ­Sicherheit und eine breite Einbindung unterschiedlicher Professionen und Verantwortlicher, sie liessen aber im Vergleich zu einem kleineren, eigenständigen Praxissetting weniger Raum für direkte und schnelle organisatorische oder strategische Entscheidungen. Auch der Aufbau eines eigenen Patientenstamms gestaltet sich im privaten Praxisumfeld etwas unkomplizierter.

Genau in diese Zeit fiel die Einführung der Zu­lassungssteuerung für ambulant tätige Ärzte in den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft. In ausgewählten Fachgebieten, darunter auch orthopädische Chirurgie, wurden Obergrenzen für Neuzulassungen definiert, um ­Kosten zu steuern und einer Überversorgung entgegenzuwirken. Diese Regulierung machte das Zeitfenster für einen Einstieg in eine Praxis eng – eine Chance, die man nicht unbeachtet lassen sollte.

Nachdem ich mich entschlossen hatte, den Schritt zu wagen, entwickelten sich die nächsten Schritte erstaunlich organisch. Die zuständigen Behörden beider Kantone genehmigten die Zulassung, und ich konnte mein neues Büro sowie die Sprechstundenräume beziehen – ein be­deutender Moment, der mir früh ein Gefühl von «skin in the game» gab: Verantwortung, die greifbar wurde, und Identifikation, die schnell wuchs.

Die Integration in das bestehende Team aus langjährigen MPA, ärztlichen Kollegen sowie unseren Sekretärinnen war getragen von Respekt, gegenseitigem Vertrauen und dem gemeinsamen Ziel, die Praxis nicht nur fortzu­führen, sondern zukunftsfähig zu bewahren. Ein grosser Teil meiner täglichen Arbeit besteht in der Versorgung unserer Patientinnen und Patienten – in der Sprechstunde, im Operationssaal und im kollegialen Austausch. Gleichzeitig ­kamen Aufgaben hinzu, die über die ärztliche Tätigkeit hinausgehen: Personalführung, das Einstellen neuer Mitarbeiterinnen und Mitar­beiter, die Weiterentwicklung interner Abläufe, das aktive Mitgestalten eines Teams in Zeiten des Fachkräftemangels – all dies sind Aspekte, die in einer Gemeinschaftspraxis unmittelbar spürbar sind. Diese Verantwortung kann fordernd sein, doch sie eröffnet auch Chancen: gute Mitarbeitende zu finden, zu fördern und zu halten, trägt wesentlich zum Erfolg einer Praxis bei und ist ein Ausdruck gelebter beruflicher Verantwortung gegenüber dem Team und den Patientinnen und Patienten.

Ein ebenso grosses Projekt war die umfassende Modernisierung der Praxisinfrastruktur: Der Ersatz des Praxisbetriebssystems, ein neues Röntgengerät, die Erneuerung der Telefonanlage, die Optimierung digitaler Arbeitsprozesse – all dies sind Aufgaben, die in einer Praxis mit bald vier Jahrzehnten Geschichte anstehen. Sie verlangen Planung, Investitionsbereitschaft und ein Gespür für das, was klinisch und organisatorisch sinnvoll ist. Doch genau hier sehe ich eine der grossen Chancen der Selbstständigkeit: nicht nur als ­Mediziner zu wirken, sondern aktiv Strukturen mitzugestalten, Abläufe zu optimieren und ­Innovationen umzusetzen, die unsere Arbeit täglich verbessern.

Es ist ein gemeinsamer Prozess, der weit über die formale Übernahme hinausgeht. Die langjährigen ärztlichen Kollegen, die seit den Anfangsjahren im Clarahof tätig sind, brachten ihre ­Erfahrung, ihre Handschrift und ihren Geist mit ein – und wir als «neue Generation» konnten gleichzeitig neue Impulse setzen, ohne die Identität des Clarahofs zu verlieren. Diese Balance zwischen Bewahrung und Erneuerung ist ein zentrales Element erfolgreicher Übergaben: Sie respektiert die Leistung der Vorgänger und schafft Raum für Weiterentwicklung.

Was mich besonders beeindruckt hat, ist die ­kollegiale Haltung im gesamten Team: Trotz der möglichen Konfliktfelder, die ein Generationenwechsel mit sich bringen kann, standen immer das gemeinsame Ziel und der Wille, die Praxis für weitere Jahrzehnte zu stabilisieren und modernen Anforderungen anzupassen, im Vordergrund.

Dieser Weg hat mir persönlich gezeigt, wie wertvoll es ist, in einem ambulanten Setting nicht nur medizinisch tätig zu sein, sondern ­dieses verantwortlich zu gestalten. Dazu ge­hören Struk­turen, in die man selbst investieren kann, Patientenbeziehungen, die über lange Zeit reifen, ein Umfeld, das Entwicklung zulässt und zugleich fordert. Sicher, der Schritt in die Selbstständigkeit bedeutet, Aufgaben zu übernehmen, die über die ärztliche Verantwortung hinaus­gehen. Aber er bietet auch die Freiheit, diese Aufgaben nach eigenen Überzeugungen und mit direktem Einfluss auf den Erfolg der Praxis zu erfüllen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich sehe meine Erfahrung nicht als Ausnahme, sondern als Beispiel für das Potenzial, das in Praxisübernahmen steckt – gerade in einer Zeit, in der die ambulante Versorgung herausgefordert und gleich­zeitig dringend gebraucht wird. Die Kombination aus etablierter Erfahrung, neuen Perspektiven und kollegialer Zusammenarbeit kann nicht nur das Überleben einzelner Praxen sichern, sondern die gesamte Versorgungslandschaft stärken.

PD Dr. med. Dominic Mathis

Partner in der Praxisgemeinschaft Clarahof und Mitglied Redaktion Synapse