Aus-, Weiter- und Fort bildung – ein Hochauf unsere Vorbilder!
In meinem Ärzteleben habe ich sowohl eine Aus- und Weiterbildung genossen wie auch manche Fortbildung. Ich gebe zu: Nicht jede habe ich genossen im engeren Sinne dieses Wortes; bisweilen war trotz der Beteuerung der Referenten, keine Interessenkonflikte zu haben, ein gewisser «Pharmageruch» im Raum unverkennbar, oder der Referent hatte nicht die Gabe, sein grosses Wissen den Zuhörern nahezubringen. Die meisten Vorlesungen und Fortbildungen habe ich aber tatsächlich genossen, auch wenn es bisweilen bedeutete, die unvermeidlichen Austrittsberichte am Abend in Überzeit fertigzustellen.
Ich habe mich gefragt, an welche Fortbildungen ich mich noch lebendig erinnern kann. Bei gewissen waren es eher die Umstände (wo sie stattfanden und was sich darum herum abspielte), andere sind mir geblieben, weil sie mich ärgerten und ich danach mit den Referenten «stritt», die meisten hatten einen nützlichen Inhalt, der mir mehr oder weniger lang im Gedächtnis blieb. Von sehr guten Fortbildungen schaute ich meine Notizen auch später wieder an. Als herausragend sind mir die Journal-Clubs mit einem Chefarzt der Psychiatrie in Erinnerung, der neben seinem fachlichen Können auch ein begabter Schauspieler war, und so waren seine Fortbildungen als Nebeneffekt so etwas wie kulturelle Darbietungen, und das vom Feinsten. Meist kamen wir deswegen mit dem Stoff nicht durch, aber das schadete nichts, denn was er uns so geistreich und anschaulich weitergab (auch wenn er sich nicht ans Protokoll hielt), blieb haften und war schlussendlich genau das, was wir brauchten für den Arbeitsalltag.
Dieses Beispiel schlägt die Brücke zur Hauptaussage dieses Artikels: zum Lernen von Vorbildern. Es ist längst nicht nur der trockensachliche Inhalt von Schulungen, der uns im Berufsleben vorankommen lässt, sondern es sind ganz wesentlich die Menschen, die uns lehren. So kann ich mich an fast alle meine «Vorgesetzten» aus der (Unter)Assistenzzeit noch erinnern, auch an prägende Sätze, die sie sagten, und wie sie in heiklen Situationen reagierten.
Früh in meiner klinischen Tätigkeit in der Psychiatrie hatten wir einen Leitenden Arzt, der uns schlichtweg verbot, irgendwelche Methoden anzuwenden. Das war nicht nur ungewöhnlich, sondern auch schwierig für uns tendenziell überforderte Assistenzärzte; wir hätten uns nur allzu gern an Methoden festgehalten, aber der Leitende Arzt blieb standhaft: «Der Patient, der Hilfe sucht, ist ein Mensch, und du bist auch ein Mensch, und nun müsst ihr zusammen mit Gottes Hilfe einen Weg aus der Misere finden!» Leichter gesagt als getan. Besagter Leitender Arzt liess uns aber nicht «hängen». Wann immer wir nicht weiterwussten, war er persönlich für uns da, kam mit hinein in Patientengespräche, und so konnten wir direkt an seinem Beispiel lernen, wie man mit aussichtslosen Situationen umgehen kann und aus Sackgassen herauskommt. Das sind «Fortbildungen», die man nicht im Ordner abheften kann, aber auch nicht muss, weil man sie nie wieder vergisst.
In der Antike lernten Schüler so, dass sie mit einem Meister zusammenlebten und nicht nur Wissen vermittelt bekamen, sondern es anschaulich vor Augen gestellt bekamen. Heute teilen wir in der Regel nicht mehr das Leben mit unseren Professoren und Oberärzten, aber das Lernen an ihnen als Vorbildern ist zum Glück geblieben. Solches Lernen hatte zu meinen Studienzeiten die trockene Bezeichnung «klinischer Unterricht» und bisweilen einen Beigeschmack von «ist ja nicht so wichtig», v. a. wenn man auf eine grosse Prüfung lernen musste. Aber wahre Bildung ist weit mehr als das Optimieren des eigenen Wissensstandes: Es ist ein Lernen für das Leben am Leben. Und irgendwann sind wir selber die Vorbilder.



