Die ärztliche Weiterbildung im Wandel: vom Erfahrungslernen zum strukturierten System
Eines der Kerngeschäfte des VSAO, der seit 1945 die Interessen aller angestellten Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz vertritt, ist die Weiterbildung. In der nachfolgenden kurzen Bilanz beschreibt der VSAO beider Basel, wie es dem VSAO in den letzten 25 Jahren gelang, einen wesentlichen Beitrag zur Professionalisierung der ärztlichen Weiterbildung in der Schweiz zu leisten.
Die Ausgangslage um die Jahrtausendwende
Im Jahr 2000 formulierte der VSAO einen ambitionierten Anforderungskatalog an die ärztliche Weiterbildung: strukturiert, qualitativ hochstehend, zeitlich realistisch, vereinbar mit Arbeitszeitreduktionen und dem europäischen Umfeld – und dabei stets die optimale Versorgung der Bevölkerung sicherstellend. Ein hoher Anspruch.
Die arbeitsmedizinisch und -rechtlich gebotenen Arbeitszeitreduktionen verringerten die Patientenkontakte und stellten insbesondere operative Fächer vor grosse Herausforderungen. Die Operationskataloge mussten in weniger Zeit erfüllt werden – ohne Abstriche bei der Qualität. Denn wer sich selbst einem Eingriff unterziehen muss, wünscht sich einen erfahrenen Operateur. Die Lösung: bessere Strukturierung der Weiterbildung, realistische Operationskataloge und der Auf- und Ausbau von Weiterbildungsnetzen.
Qualitätssicherung als Hilfestellung
Regelmässige Evaluationsgespräche in kollegialer Atmosphäre sollten Probleme frühzeitig sichtbar machen und den Gedanken der Wissensweitergabe vom erfahrenen an den jüngeren Kollegen neu beleben – ein Aspekt, der unter Dienstleistungsdruck und Administrativlast bisweilen in Vergessenheit geraten war.
«Früher verpönt, heute selbstverständlich: Teilzeitarbeit ist in der Weiterbildung angekommen – für Frauen wie Männer.»
Weitere Qualitätsinstrumente kamen hinzu: Die jährliche Umfrage zur Evaluation der Weiterbildungsstätten trennte erstmals Weiterbildungsqualität von allgemeiner Arbeitszufriedenheit und zeigte gezielt Optimierungspotenzial auf. Visitationen dienten nicht der Kontrolle, sondern der Einsichtnahme und der konstruktiven Hilfestellung. Weiterbildungskonzepte halfen den Fachgesellschaften, praxistaugliche Programme zu entwickeln, die auch halten, was sie versprechen.
Wachsende Regulierung – ein zweischneidiges Schwert
Anfang der 2000er-Jahre stieg der Regulierungsdruck: bilaterale Verträge, Bundesaufsicht über die Weiterbildung und weitere Vorgaben. Regelungen bieten Orientierung, belasten aber die oft im Milizsystem arbeitenden Fachgesellschaften erheblich. Zudem besteht die Gefahr, dass übermässige Reglementierung Innovation erstickt und Klinikleiter von der aktiven Weiterbildung abhält. Weiterbildung muss auch attraktiv bleiben – für alle Beteiligten.
Die Rolle des VSAO
Weiterbildung ist ein Kerngeschäft des VSAO. Die Bereitschaft zur Mitgestaltung war stets hoch, die Zusammenarbeit mit Fachgesellschaften und Weiterbildnern eng. Was sich erst etablieren musste, ist heute Selbstverständlichkeit: VSAO-Vertretungen sitzen in den meisten Weiterbildungskommissionen und seit der Gründung des SIWF (2008) auch sichtbar in dessen Gremien. Das SIWF wurde übrigens geschaffen, um Weiter- und Fortbildung klar von standespolitischen Interessen der FMH zu trennen.
Wo stehen wir heute?
Die Weiterbildung hat sich in den letzten drei Jahrzehnten grundlegend gewandelt:
- Weiterbildungsprogramme ermöglichen den Facharzttitel innerhalb von fünf bis sechs Jahren – international vergleichbar.
- Strukturierte Weiterbildung ist mit fixen Stundenzahlen verbindlich verankert.
- Weiterbildungskonzepte sind Pflicht für die Anerkennung als Weiterbildungsstätte und schaffen Transparenz für beide Seiten.
- Visitationen – kein Inspektionsbesuch, sondern ein konstruktives Miteinander von Fachdelegierten, SIWF- und VSAO-Vertretung sowie Weiterbildungsleitern.
- Arbeitsplatzbasierte Assessments (AbAs) wie MiniCEX und DOPS ermöglichen praxisnahe Kompetenzüberprüfung.
- EPAs (Entrustable Professional Activities) dokumentieren das Beherrschen konkreter Fertigkeiten – und könnten dereinst möglicherweise die Facharztprüfung ablösen.
Teilzeit und Work-Life-Balance
Früher verpönt, heute selbstverständlich: Teilzeitarbeit ist in der Weiterbildung angekommen – für Frauen wie Männer. Das gewandelte Arztbild, der legitime Wunsch nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie die zunehmende Feminisierung der Medizin haben dazu beigetragen. Die Anrechenbarkeit von TeilzeitWeiterbildung ist mittlerweile fest in der Weiterbildungsordnung und auch den Weiterbildungsprogrammen verankert.
Was bleibt zu tun?
Unabdingbar ist die Entlastung der gesamten Ärzteschaft von unnötiger Administration, damit der Fokus wieder auf dem ärztlichen Kerngeschäft liegt. Fortschritte gelingen nur im konstruktiven Dialog aller Beteiligten – mit klaren Forderungen und der Offenheit für scheinbar «Unmögliches».
Ein Beispiel: Im KSBL startet demnächst ein Pilotprojekt zur Frage, ob sich gute Weiterbildung auch in einer 42+4-Stundenwoche vermitteln lässt. Man darf gespannt sein.
Und was meint die KI?
Und zu guter Letzt: Was meint eigentlich die KI zur ärztlichen Weiterbildung in der Schweiz?
«Die ärztliche Weiterbildung in der Schweiz ist anspruchsvoll, abwechslungsreich und hochgradig strukturiert. Sie stellt sicher, dass Fachärztinnen und Fachärzte auf höchstem Niveau ausgebildet werden und sowohl spezialisierte als auch generalistische Kompetenzen erwerben. Trotz der Herausforderungen wie hoher Arbeitsbelastung, Wettbewerb um Stellen und organisatorischer Anforderungen bietet die Weiterbildung auch viele Chancen, darunter ein weltweit anerkannter Facharzttitel und exzellente berufliche Perspektiven. Angesichts der sich wandelnden Anforderungen im Gesundheitswesen muss das System jedoch weiterhin auf die Bedürfnisse der angehenden Ärztinnen und Ärzte sowie auf gesellschaftliche Entwicklungen eingehen, damit es zukunftssicher bleibt.»

Abb 1 NFP74
Übersicht über die Forschungsprojekte des NFP 74. Sie richten ihren Fokus auf die stationäre, ambulante und mobile Versorgung und ihre Schnittstellen.
Entscheidungsgrundlagen für Systemgestalter
Das Gesundheitssystem befindet sich in stetem Wandel und bedarf konstanter Steuerung. Um die Auswirkung von Massnahmen beurteilen und bei Bedarf anpassen zu können, ist eine gute und über das gesamte System hinweg vergleichbare Datenbasis zentral. Auch sind verwertbare und zugängliche Daten nötig, um Behandlungsverläufe zu verfolgen und Behandlungsstandards zu etablieren. Die Politik hat diverse Bemühungen für die Verbesserung der Datenlage im Gesundheitswesen angestossen.
Verschiedene Projekte des NFP 74 haben sich mit dieser Thematik befasst. So wurde im Projekt 7 «Routinedaten aus Hausarztpraxen dienen der Verbesserung der Gesundheitsversorgung in der Schweiz» die erste und bisher einzige Datenbank der Schweiz weiterentwickelt, die auf nationaler Ebene klinische Routinedaten zur ambulanten Versorgung erfasst. Das Projekt 21 «Standardisiertes Assessment- und Berichterstattungssystem für Informationen zur Funktionsfähigkeit» entwickelte eine einheitliche Metrik, um Veränderungen der Funktionsfähigkeit von Patientinnen und Patienten über mehrere Rehabilitationskliniken hinweg zu beurteilen. Weitere Forschungsprojekte des NFP 74 haben untersucht, wie sich Eingriffe ins Tarifsystem oder unterschiedliche Versicherungsmodelle auf die Versorgung auswirken. Sie belegen, dass mit vorhandenen Daten wichtige Fragen beantwortet werden können, aber dass dies mit grossem Aufwand verbunden und noch nicht routinemässig möglich ist.
Kulturwandel ist nötig
Ein Umdenken auf allen Ebenen des Gesundheitssystems ist nötig, um die verfügbaren Ressourcen in der Gesundheitsversorgung effizienter zu nutzen.
Gesundheitsversorgung muss breiter und integrativer verstanden werden, mit den Menschen im Zentrum.
Das trifft die Patientinnen und Patienten mit ihren individuellen Dispositionen, Präferenzen und Ressourcen, die medizinischen und nicht medizinischen Leistungserbringenden mit ihren sozialen und fachlichen Kompetenzen und nicht zuletzt die Entscheidungsträger, welche die Rahmenbedingungen für eine smarte Gesundheitsversorgung setzen.
Hier kann die Forschung evidenzbasierte Lösungsansätze aufzeigen. Deren Umsetzung erfordert die systematische Zusammenarbeit von Forschung, Politik und Praxis. Einen erfolgreichen ersten Schritt machte das «Emerging Health Care Leaders»-Programm (EHCL) des NFP 74. Im Rahmen dieses innovativen Fortbildungsprogramms konnten sich Nachwuchsforschende die nötigen Kompetenzen aneignen, um im Gesundheitswesen ein vermehrt auf Kooperation und Integration ausgerichtetes Beziehungsnetz aufzubauen. Eine smarte Gesundheitsversorgung erfordert eine neue Generation von Führungspersonen, die fähig ist, den Dialog mit den verschiedenen Akteuren zu pflegen und nachhaltige gesundheitspolitische Entscheide anzustossen.

Abb 2 NFP74
Arbeitsgruppe «Smarter Health Care». Die Zukunft der Versorgungsforschung Schweiz.
Der Dialog wird fortgeführt
Das NFP 74 hatte den Auftrag, neue Ansätze in der Gesundheitsversorgung zu entwickeln und zu erforschen. Dank dem föderalistischen Labor Schweiz konnten diese Innovationen im kleinen Rahmen erprobt werden. Um die Impulse des NFP 74 nun zu verbreiten und nachhaltig zu verankern, haben sich das Bundesamt für Gesundheit, die Gesundheitsdirektorenkonferenz und das Gesundheitsobservatorium mit der Swiss School of Public Health, dem Swiss Learning Health System, dem Swiss Personalized Health Network und dem NFP 74 zur Initiative «Smarter Health Care» zusammengeschlossen. Unter dem Dach von SSPH+ wird der Dialog zwischen Forschung, Politik und Praxis fortgeführt und ausgebaut. Alle Akteure des Versorgungssystems sind eingeladen, den Kulturwandel hin zu einer smarten Gesundheitsversorgung mitzugestalten.
Weitere Informationen dazu finden sich unter www.nfp74.ch

Dr. med. Susanna Stöhr
ist beim VSAO Basel Fachverantwortliche für Weiter-und Fortbildung

