Innovative Wege in der viszeralchirurgischen Weiterbildung am Kantonsspital Baselland
Neben einer qualitativ hochstehenden Patientenversorgung gehört die Nachwuchsförderung zu den Kernaufgaben eines Kantonsspitals. In der Viszeralchirurgie ist diese Aufgabe besonders anspruchsvoll: Theoretisches Wissen, manuelle Fertigkeiten in offener, laparoskopischer und robotischer Chirurgie, soziale Kompetenzen und wirtschaftliches Denken müssen gleichermassen vermittelt werden – und dies im Spannungsfeld von Arbeitszeitvorgaben, wachsender Administration und den Erwartungen an eine zeitgemässe Work-Life-Balance.
Rahmenbedingung Arbeitszeit
Das Schweizer Arbeitsgesetz begrenzt die Wochenarbeitszeit für Assistenzärztinnen und -ärzte auf maximal 50 Stunden inklusive Diensten, mit einer Mindestruhezeit von 11 Stunden. Am Kantonsspital Baselland wurde die Arbeitszeit in der Klinik Chirurgie & Viszeralchirurgie – unterstützt durch VSAO und Gewerkschaften – in einem Pilotprojekt auf 42 Stunden plus 4 Stunden strukturierte Weiterbildung reduziert. Aufgrund der 24/7-Dienstabdeckung führen diese Arbeitszeitvorgaben zu regelmässigen Abwesenheiten in den Kernarbeitszeiten und begrenzten sowohl die Kontinuität in der Patientenbetreuung als auch die Möglichkeiten gezielter Weiterbildung (Abb. 1).
Personalressourcen
Die Klinik für Chirurgie & Viszeralchirurgie beschäftigt an den Standorten Bruderholz und Liestal 23 Assistenzärztinnen und -ärzte sowie eine Physician Associate. Von diesen rotieren jeweils mehrere auf Notfall, Gefäss-/Thoraxchirurgie und Intensivstation. Nach Abzug aller Dienste verbleibt pro Standort und Wochentag ein Assistenzarzt bzw. eine Assistenzärztin für die Betreuung von ca. 8–10 viszeralchirurgischen Patientinnen und Patienten.
Der wachsende Dokumentationsaufwand – elektronische Patientendossiers, Codierung, Versicherungsanfragen, Berichtswesen – reduziert die Zeit am Patienten und für die Weiterbildung. Durch die Einstellung einer Physician Associate, einer Leitenden Ärztin für Innere Medizin und von Stationssekretärinnen kann die Betreuungsqualität dennoch auf sehr hohem Niveau gehalten werden.
Was die FMH-Umfrage 2024 zeigt
Assistenzärztinnen und -ärzte im Gebiet der Chirurgie und Viszeralchirurgie gaben an, in der Schweiz wöchentlich 58 Stunden im Spital präsent zu sein – dies stellt einen Spitzenwert unter allen Fachgebieten dar. Gleichzeitig dokumentierten sie den niedrigsten Wert bei der Zufriedenheit, ihre Arbeit innerhalb der vertraglich geregelten Arbeitszeit erledigen zu können. Dies unterstreicht die Komplexität chirurgischer Tagesabläufe, in denen Visiten, Stationsarbeit, Dokumentation, Patientengespräche und operative Tätigkeit parallel zu bewältigen sind (Abb. 2 und 3).
Generation Y und Z: neue Erwartungen, neue Konzepte
Die Generationen Y (1981–1996) und Z (1997–2012) bringen berechtigte Erwartungen mit: Flexibilität, Sinnhaftigkeit, flache Hierarchien, Transparenz und eine gesunde Work-Life-Balance. Frühere Weiterbildungsmaximen wie «see one, do one, teach one» oder die Idee, dass man es «schon lernt, wenn man lange genug dabei ist», greifen heutzutage nicht mehr. Wenn ein Assistenzarzt nicht mehr bis 20 Uhr im Spital bleibt, um eine Appendektomie durchzuführen – arbeitsrechtlich wie kulturell kaum noch vorstellbar –, braucht es neue didaktische Ansätze.
Die zentralen Herausforderungen:
- Mehr Assistenzärzte teilen sich weniger Teaching-Operationen
- Teilzeitwünsche und Anpassung an Kinderbetreuung
- Häufige Abwesenheiten durch Dienstkompensationen
- Hohe Erwartung, die Weiterbildung innerhalb von 42 Wochenstunden zu erhalten
- Abwanderung elektiver Eingriffe in Privatspitäler und in den ambulanten Bereich
- Zunehmende administrative Belastung
Der Weg zum Facharzttitel
Das SIWF als eigenständiges Organ der FMH verantwortet Weiterbildungsordnung, Titelerteilung und Anerkennung der Weiterbildungsstätten. Das Kantonsspital Baselland ist als A-Klinik (Liestal) und B3-Klinik (Bruderholz) anerkannt und bietet als V1-Spital die vollständige Weiterbildung zum Facharzt für Viszeralchirurgie und zum Schwerpunkt Viszeralchirurgie. Das Curriculum umfasst 6 Jahre, davon sind die ersten zwei als Common Trunk im neuen Core Surgical Curriculum (CSC) strukturiert. Erforderlich sind mindestens 2 Jahre an einer A- und 1 Jahr an einer B-Weiterbildungsstätte, die Teilnahme an Kongressen und definierten Kursen, eine Erst- oder Letztautorenpublikation sowie ein Operationskatalog von 510 definierten Eingriffen.
Die SGVC sucht dabei gezielt nach Wegen, «Talente zu fördern, die die Viszeralchirurgie nicht nur als Beruf, sondern als Berufung verstehen» (Zitat Prof. Dr. med. Markus Müller, Präsident SGVC, Schweizer Gesellschaft für Viszeralchirurgie).
«Die Zukunft gehört einer kompetenzbasierten, flexiblen und digital unterstützten Weiterbildung.»
Das Core Surgical Curriculum (CSC)
Das neu gegründete Swiss College of Surgeons hat als Dachorganisation der chirurgischen Fachgebiete das CSC als kompetenzbasierte Basisweiterbildung für die Jahre 1 und 2 entwickelt.
Es kombiniert drei Säulen:
- E-Learning: Theorie, klinische Fälle, Multiple-Choice-Fragen – auch zu nichtchirurgischen Themen wie EKG-Interpretation, Diabetes oder Herzinsuffizienz
- Kurse: Tageskurse, Webinare, Hands-on-Workshops
- Klinische Praxis: Strukturierte Weiterbildung, Skills-Training und Evaluation via EPAs (Abb. 4)
Das CSC-Zertifikat löst das bisherige Basisexamen nach den ersten zwei Jahren ab.
«Die chirurgische Weiterbildung befindet sich im Umbruch. Neue Arbeitszeitmodelle, Ambulantisierung, Digitalisierung und die Erwartungen jüngerer Generationen verlangen neue Lehr- und Lernformen.»
EPAs und die Prepared-App: Kompetenz statt Fallzahlen
Entrustable Professional Activities (EPAs) strukturieren das kompetenzbasierte Lernen. Sie decken allgemein- und viszeralchirurgische Tätigkeiten, prä-, peri- und postoperative Phasen, Notfallsituationen und operative Prozeduren ab. Nach jeder EPA bewerten Trainee und Tutor gemeinsam den erreichten Kompetenzgrad über die Prepared-App (Abb. 5): Ziel ist es, bei jeder Tätigkeit einen selbständigen Kompetenzgrad zu erreichen, unabhängig von einer definierten Fallzahl wie in der Vergangenheit. Die Bewertungsstufen variieren von a) Beobachten = Trainee assistiert aktiv, b) direkte Supervision = Ausführung durch Trainee, der Vorgesetzte unterstützt proaktiv, c) indirekte Supervision = Ausführung durch Trainee, der Vorgesetzte steht gewaschen am Tisch und verhält sich reaktiv,
d) entfernte Supervision = Ausführung durch Trainee, der Vorgesetzte ist nicht im Raum, bis zu e) andere Supervision = der Trainee supervidiert andere. In unserer Klinik werden pro Tag und Standort 10–25 EPAs durchgeführt.
Weiterbildungskonzept am KSBL
Das strukturierte Weiterbildungskonzept umfasst:
- Tägliche Weiterbildung (30–45 Min.): Fachthemen, Fallbesprechungen, Journal Club
- Chirurgisches Training Village: Laparo-Box-trainer, Hometrainer, da-Vinci-Simulation
- Jährliche Kurse: Anastomosen- und Nahtkurs intern; Laparoskopie-, Sonografie- und Robotic-Kurse extern
- Halbjährliche Kadersitzungen mit individuel-ler Performance-Evaluation und Feedbackgespräch
- Tutorensystem: Jeder Assistenzarzt wird über das Jahr begleitet und gecoacht
- ISM-RET-Evaluation (Abb. 6): Halbjährliche digitale 360°-Beurteilung in den Dimensionen klinische, technische und nichttechnische Fähigkeiten, soziale Kompetenz, Entscheidungsfähigkeit sowie wissenschaftliche Tätigkeit
Beurteilung der Weiterbildungsstätte
In der jährlichen FMH-Evaluation beurteilen Assistenzärztinnen und -ärzte ihre Weiterbildungsstätte anonymisiert in den Dimensionen Globalbeurteilung, Fachkompetenz, Lernkultur, Führungskultur, Fehlerkultur/Patientensicherheit, Entscheidungskultur, Betriebskultur und Evidencebased Medicine (Abb. 7).
Das Fazit: Kompetenz statt Absitzzeit, digitale Tools statt Papier, aktives Mentoring statt Hierarchie.
Ausblick
Die chirurgische Weiterbildung befindet sich im Umbruch. Neue Arbeitszeitmodelle, Ambulantisierung, Digitalisierung und die Erwartungen jüngerer Generationen verlangen neue Lehr-und Lernformen. Das Core Surgical Curriculum, EPAs, die Prepared-App und das eRET-Evaluationsprogramm bieten die Werkzeuge für eine effizientere, praxisnähere Ausbildung.
Die Klinik Chirurgie & Viszeralchirurgie am KSBL setzt diese Ansätze konsequent um – mit Erfolg: Die FMH-Evaluationen zeigen sehr gute Ergebnisse (Abb. 7 und 8), der Teamspirit an beiden Standorten ist hoch, und auch die Patientenfeedbacks bestätigen die Qualität der Patientenversorgung.
Das Ziel bleibt: eine Weiterbildung, die moderne Lebensrealitäten berücksichtigt und zugleich chirurgischoperative Kompetenz sowie Patientensicherheit stärkt. Die Zukunft gehört einer kompetenzbasierten, flexiblen und digital unterstützten Weiterbildung. Das KSBL geht hier mit grossen Schritten voran.

Prof. Dr. med. Robert Rosenberg
Chefarzt Chirurgie & Viszeralchirurgie, Leiter Zentrum Bauch und Darmkrebszentrum, Kantonsspital Baselland

Dr. med. Christine Glaser
Co-Chefärztin Chirurgie & Viszeralchirurgie, Standort Bruderholz, Kantonsspital Baselland









