«Réformer»: Neue Westschweizer Organisation will die ärztliche Weiterbildung besser koordinieren
Sechs Westschweizer Kantone gehen gemeinsam gegen den Ärztemangel vor: Freiburg, Genf, Jura, Neuenburg, Waadt und Wallis haben im Herbst 2025 den interkantonalen Verband «Réformer» gegründet. Er soll die ärztliche Weiterbildung besser koordinieren und organisieren – und so der Zersplitterung der Ausbildungswege im Gesundheitswesen entgegenwirken.
Die Westschweiz ist mit einer steigenden Nachfrage nach medizinischer Versorgung und einem Mangel an ärztlichen Ressourcen konfrontiert. Die sechs Westschweizer Gesundheitsminister sehen in der Koordination der ärztlichen Weiterbildung einen zentralen strategischen Hebel. Sie soll helfen, besser zu planen, die Weiterbildungspfade klarer zu strukturieren und letztlich die richtigen Ärzte auszubilden. Der Genfer Staatsrat und Gesundheitsvorsteher Pierre Maudet führt den neuen Verband.
Maudet erklärte bei der Gründung (9.9.25) gegenüber der Zeitung «Le Temps»: «Dieser neue Verein veranlasst uns, den Bedarf bei den 46 medizinischen Fachrichtungen zu erheben. Das Ziel ist letztlich nicht, insgesamt mehr Ärzte auszubilden, sondern dort auszubilden, wo es nötig ist. Das wird für die Randkantone von Vorteil sein.»
Eine innovative digitale Plattform im Zentrum
Im Zentrum des Vorhabens steht eine innovative digitale Plattform. Sie soll sich zu einem zentralen Steuerungs- und Begleitinstrument für Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung sowie für Bildungsinstitutionen entwickeln. Die Plattform bietet Assistenzärztinnen und Assistenzärzten eine bessere Übersicht über ihre Weiterbildungspfade und unterstützt die Ausbildungseinrichtungen bei ihren organisatorischen Aufgaben.
Réformer führt die Plattform schrittweise ein – Fachrichtung für Fachrichtung. So lassen sich Ausbildungsströme und Ressourcenbedarf besser und schneller erkennen. Die Umsetzung begann mit einem Pilotprojekt in der Fachrichtung Anästhesie.
Vier Hauptachsen
Réformer ist auf vier Hauptachsen aufgebaut:
- Harmonisierung der Ausbildungswege: Die Weiterbildungswege werden in enger Zusammenarbeit mit der FMH und den medizinischen Fachgesellschaften nach Fachgebieten strukturiert und harmonisiert.
- Antwort auf den Ärztemangel: Integrierte Instrumente – darunter die digitale Plattform – helfen, dem demografischen Wandel und dem Ärztemangel zu begegnen.
- Datengestützte Steuerung: Gemeinsam mit dem ärztlichen Fachpersonal und den nationalen Organisationen werden exakte, zuverlässige Daten erhoben und analysiert.
- Unterstützung der Ausbildungseinrichtungen: Ein klarer Rahmen und konkrete Instrumente unterstützen die Planung der Bedarfe und die wirksame Begleitung der ärztlichen Ausbildungswege.
«Die Zukunft gehört einer kompetenzbasierten, flexiblen und digital unterstützten Weiterbildung.»
Forschung für eine smarte Gesundheitsversorgung
Das Nationale Forschungsprogramm (NFP) 74 «Gesundheitsversorgung» wurde im Sommer 2023 abgeschlossen. Es zeigt auf, wie die Versorgung von chronisch kranken Menschen in der Schweiz verbessert werden kann.
Das Schweizer Gesundheitssystem steht vor einer herausfordernden Zukunft. Es braucht vermehrt patientenorientierte Lösungen für die komplexe Versorgung der wachsenden Zahl chronisch kranker Menschen. Aus diesem Grund hat der Bundesrat auf Initiative von Bund, Kantonen und Hausärzteschaft das Nationale Forschungsprogramm 74 «Gesundheitsversorgung» – auf Englisch «Smarter Health Care» – in Auftrag gegeben. Wichtige Ziele waren, Erkenntnisse zu gewinnen, wie die Versorgung in der Schweiz besser auf diese Patientengruppe ausgerichtet und die Gesundheitsdaten optimiert werden können. Die Synapse berichtete bereits 2017 über die Versorgungsforschung in der Schweiz und über das NFP 74. In dieser Ausgabe folgen nun die wichtigsten Programmerkenntnisse.
Erkenntnisse aus 34 Forschungsprojekten
Das NFP 74 hat zwischen 2017 und 2022 34 Forschungsprojekte gefördert. Die Forschenden haben verschiedene Aspekte der Gesundheitsversorgung bearbeitet, von den Patientenpräferenzen über die Arzt-Patienten-Kommunikation und interprofessionelle Zusammenarbeit bis hin zur schweizweiten Vernetzung von Gesundheitsdaten. Ein Schwerpunkt lag dabei auf den Schnittstellen im Gesundheitswesen.
Auf www.nfp74.ch finden sich Kurzbeschreibungen zu den einzelnen Projekten wie auch Working Papers, welche die Erkenntnisse zu den Themen Qualität, Patientenzentrierung, Koordination, Kosten, Daten und Aufbau einer Versorgungsforschungscommunity synthetisieren. Dem Programmfazit ist eine eigene Publikation gewidmet. Es zeigt konkrete Lösungen auf individueller Ebene auf und liefert gleichzeitig Evidenz für die gesundheitspolitische Debatte im Hinblick auf eine «smarte» Gesundheitsversorgung in der Schweiz.
Patientenpartizipation mit Blick auf den Lebenskontext
Chronische Krankheiten nehmen viel Raum im Leben der Betroffenen ein, und die Therapie erfordert ein hohes Mass an Disziplin und persönlichem Einsatz. Um eine möglichst grosse Wirkung zu erzielen, müssen die gesundheitsbezogenen Massnahmen an den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten und ihrer Angehörigen ausgerichtet werden. Da Faktoren wie die familiäre Situation, das Einkommen oder die Wohnverhältnisse die Gesundheit einer Person und ihre Möglichkeiten, sich um die eigene Gesundheit zu kümmern, massgeblich beeinflussen, muss auch der Lebenskontext der Betroffenen ressourcenorientiert einbezogen werden.
Verschiedene Forschungsprojekte des NFP 74 haben konkrete Umsetzungsbeispiele untersucht. So konnte das Projekt 31 «Aufbau von sorgenden Gemeinschaften für die häusliche Langzeitpflege» Modelle zeigen, die es älteren Menschen ermöglicht, trotz gesundheitlicher Einschränkungen zu Hause wohnen zu bleiben. Aber auch das Projekt 2 «Partizipative Forschung fördert partizipative Entscheidungen beim Dickdarmkrebsscreening» konnte nachweisen, dass die partizipative Entscheidungsfindung in der Hausarztpraxis zu einem besseren Outcome beiträgt.
Bessere Koordination auf Augenhöhe
In den letzten Jahrzehnten hat die Spezialisierung und Fragmentierung in der Gesundheitsversorgung stark zugenommen.
Diese zusätzlichen Schnittstellen im bereits komplexen Schweizer Versorgungssystem erschweren den Informationsfluss und die Zusammenarbeit in der Gesundheitsversorgung und führen zu ineffizienter Ressourcennutzung.
Verschiedene Forschungsprojekte des NFP 74 haben untersucht, welche Faktoren eine besser koordinierte, patientenzentrierte und somit smartere Gesundheitsversorgung fördern oder aber behindern. Dabei zeigte sich, dass die Menschen im System zentral sind: die Patientinnen und Patienten, die Angehörigen, die Fachpersonen aus dem medizinischen und nicht medizinischen Bereich, aber auch die Entscheidungsträgerinnen in der Verwaltung und Politik. Sie alle müssen befähigt und ermächtigt werden, vernetzt zu denken und zu handeln und auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten.
So zeigte das Projekt 18 «Interprofessionelle Austrittsplanung verkürzt Dauer des Spitalaufenthalts», dass die interprofessionell koordinierte Austrittsplanung die Aufenthaltsdauer von Patientinnen und Patienten ohne negative gesundheitliche Auswirkungen reduzieren kann. Das Projekt 27 «Pflegegeleitete Versorgungsmodelle vermindern ungeplante Spitaleinweisungen» evaluierte Modelle, bei welchen die Pflegefachpersonen die Zusammenarbeit mit Hausärztinnen und Spitälern koordinierten mit dem Resultat, dass die Zahl unnötiger Hospitalisierungen reduziert werden konnte. Das Projekt 13 «Die Schliessung von Hausarztpraxen kann zu regionaler Unterversorgung führen» wies zudem auf die Bedeutung der Hausarztpraxen für eine kontinuierliche und kosteneffiziente regionale Versorgung hin.

Abb 1 NFP74
Übersicht über die Forschungsprojekte des NFP 74. Sie richten ihren Fokus auf die stationäre, ambulante und mobile Versorgung und ihre Schnittstellen.
Entscheidungsgrundlagen für Systemgestalter
Das Gesundheitssystem befindet sich in stetem Wandel und bedarf konstanter Steuerung. Um die Auswirkung von Massnahmen beurteilen und bei Bedarf anpassen zu können, ist eine gute und über das gesamte System hinweg vergleichbare Datenbasis zentral. Auch sind verwertbare und zugängliche Daten nötig, um Behandlungsverläufe zu verfolgen und Behandlungsstandards zu etablieren. Die Politik hat diverse Bemühungen für die Verbesserung der Datenlage im Gesundheitswesen angestossen.
Verschiedene Projekte des NFP 74 haben sich mit dieser Thematik befasst. So wurde im Projekt 7 «Routinedaten aus Hausarztpraxen dienen der Verbesserung der Gesundheitsversorgung in der Schweiz» die erste und bisher einzige Datenbank der Schweiz weiterentwickelt, die auf nationaler Ebene klinische Routinedaten zur ambulanten Versorgung erfasst. Das Projekt 21 «Standardisiertes Assessment- und Berichterstattungssystem für Informationen zur Funktionsfähigkeit» entwickelte eine einheitliche Metrik, um Veränderungen der Funktionsfähigkeit von Patientinnen und Patienten über mehrere Rehabilitationskliniken hinweg zu beurteilen. Weitere Forschungsprojekte des NFP 74 haben untersucht, wie sich Eingriffe ins Tarifsystem oder unterschiedliche Versicherungsmodelle auf die Versorgung auswirken. Sie belegen, dass mit vorhandenen Daten wichtige Fragen beantwortet werden können, aber dass dies mit grossem Aufwand verbunden und noch nicht routinemässig möglich ist.
Kulturwandel ist nötig
Ein Umdenken auf allen Ebenen des Gesundheitssystems ist nötig, um die verfügbaren Ressourcen in der Gesundheitsversorgung effizienter zu nutzen.
Gesundheitsversorgung muss breiter und integrativer verstanden werden, mit den Menschen im Zentrum.
Das trifft die Patientinnen und Patienten mit ihren individuellen Dispositionen, Präferenzen und Ressourcen, die medizinischen und nicht medizinischen Leistungserbringenden mit ihren sozialen und fachlichen Kompetenzen und nicht zuletzt die Entscheidungsträger, welche die Rahmenbedingungen für eine smarte Gesundheitsversorgung setzen.
Hier kann die Forschung evidenzbasierte Lösungsansätze aufzeigen. Deren Umsetzung erfordert die systematische Zusammenarbeit von Forschung, Politik und Praxis. Einen erfolgreichen ersten Schritt machte das «Emerging Health Care Leaders» Programm (EHCL) des NFP 74. Im Rahmen dieses innovativen Fortbildungsprogramms konnten sich Nachwuchsforschende die nötigen Kompetenzen aneignen, um im Gesundheitswesen ein vermehrt auf Kooperation und Integration ausgerichtetes Beziehungsnetz aufzubauen. Eine smarte Gesundheitsversorgung erfordert eine neue Generation von Führungspersonen, die fähig ist, den Dialog mit den verschiedenen Akteuren zu pflegen und nachhaltige gesundheitspolitische Entscheide anzustossen.

Abb 2 NFP74
Arbeitsgruppe «Smarter Health Care». Die Zukunft der Versorgungsforschung Schweiz.
Der Dialog wird fortgeführt
Das NFP 74 hatte den Auftrag, neue Ansätze in der Gesundheitsversorgung zu entwickeln und zu erforschen. Dank dem föderalistischen Labor Schweiz konnten diese Innovationen im kleinen Rahmen erprobt werden. Um die Impulse des NFP 74 nun zu verbreiten und nachhaltig zu verankern, haben sich das Bundesamt für Gesundheit, die Gesundheitsdirektorenkonferenz und das Gesundheitsobservatorium mit der Swiss School of Public Health, dem Swiss Learning Health System, dem Swiss Personalized Health Network und dem NFP 74 zur Initiative «Smarter Health Care» zusammengeschlossen. Unter dem Dach von SSPH+ wird der Dialog zwischen Forschung, Politik und Praxis fortgeführt und ausgebaut. Alle Akteure des Versorgungssystems sind eingeladen, den Kulturwandel hin zu einer smarten Gesundheitsversorgung mitzugestalten.
Weitere Informationen dazu finden sich unter www.nfp74.ch



