Zwischen Stethoskop und Chatbot: wie die Universität Basel den Umgang mit KI im Medizinstudium lehrt

Die Medizinische Fakultät der Universität Basel hat die «Digitalisierung in der Medizin» bereits fest ins Curriculum integriert.

Es ist ein Bild, das inzwischen zum Alltag vieler Medizinstudierender gehört: nachts um halb eins, der Schreibtisch voller Skripte, irgendwo ein kalter Kaffee, daneben ein geöffneter Chatbot. Fragen werden schon lange nicht mehr in Lehrbüchern gesucht, heute sind es die Eingabefelder von KI-Maschinen: Zusammenfassungen entstehen innert Sekunden, Differentialdiagnosen werden tabellarisch aufgelistet, Lernkarten generiert. Die künstliche Intelligenz ist längst im Studium angekommen.
Während die öffentliche Debatte häufig zwischen Euphorie und Untergangsszenarien schwankt, stellt sich für medizinische Fakultäten eine wesentlich praktischere Frage: Wie bildet man junge Ärztinnen und Ärzte für eine Medizin aus, in der KI-gestützte Systeme zunehmend präsent sein werden?

Digitalisierung in der Medizin
An der Medizinischen Fakultät der Universität Basel gehört diese Frage inzwischen fest zum Curriculum. Das Themenfeld «Digitalisierung in der Medizin» ist dort als longitudinales Lehrkonzept über das gesamte Studium hinweg verankert und umfasst rund zwanzig Lehrveranstaltungen. Bereits im ersten Bachelorjahr werden Grundlagen zu Datenschutz, Datenkompetenz, Informationssystemen sowie Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz vermittelt. Dabei steht laut den Verantwortlichen nicht nur der technologische Fortschritt im Zentrum, sondern insbesondere die Fähigkeit, digitale Systeme kritisch zu reflektieren.
«Ungeachtet dieser Entwicklungen bleibt der Mensch die zentrale lehrende Instanz innerhalb unseres Unterrichtskonzepts», erklärt Christina Wilhelm, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie ärztliche Leitung des Masterstudiengangs Humanmedizin in Basel.

«Es zeichnet sich ein Ansatz ab, der KI als Werkzeug versteht: relevant, hilfreich, teilweise unumgänglich – aber eben nicht als Ersatz für ärztliches Denken.»

Die Basler Fakultät gehört damit zu den Hochschulen im deutschsprachigen Raum, die KI strukturell in die Ausbildung integrieren und nicht lediglich als Randthema behandeln. Gemeinsam mit dem deutschen KI-Campus wurde etwa das «Basler Modul: Dr. med. KI» entwickelt, das Grundlagen künstlicher Intelligenz mittels E-Learning vermittelt. Ergänzt wird das Angebot durch Wahlveranstaltungen, Bibliotheksangebote und universitäre Anlaufstellen für Fragen rund um KI.
Bemerkenswert erscheint dabei, wie die KI zunehmend als zukünftige ärztliche Kulturtechnik verstanden wird; ähnlich selbstverständlich wie evidenzbasierte Literaturrecherche oder der Umgang mit digitalen Krankengeschichten.
Problematisch wird es bei der Nutzung von Large Language Models wie ChatGPT. Generische KI-Systeme arbeiten probabilistisch; ihre Antworten beruhen nicht zwingend auf validierten oder leitliniengerechten Quellen. Fehlerhafte Literaturangaben oder scheinbar plausible Falschinformationen bleiben reale Risiken.
Entsprechend setzt die Universität Basel laut eigener Aussage bewusst auf geschlossene Systeme mit redaktionell geprüften Inhalten. Den Studierenden wird eine Lernplattform zur Verfügung gestellt, deren integrierte KI-Anwendung in der Stanford-Harvard-NOHARM-Studie zur Sicherheit medizinischer KI-Systeme unter 31 getesteten Anwendungen die höchste Gesamtbewertung erhielt.

Die Basler Fakultät gehört damit zu den Hochschulen im deutschsprachigen Raum, die KI strukturell in die Ausbildung integrieren und nicht lediglich als Randthema behandeln. Gemeinsam mit dem deutschen KI-Campus wurde etwa das «Basler Modul: Dr. med. KI» entwickelt, das Grundlagen künstlicher Intelligenz mittels E-Learning vermittelt. Ergänzt wird das Angebot durch Wahlveranstaltungen, Bibliotheksangebote und universitäre Anlaufstellen für Fragen rund um KI.
Bemerkenswert erscheint dabei, wie die KI zunehmend als zukünftige ärztliche Kulturtechnik verstanden wird; ähnlich selbstverständlich wie evidenzbasierte Literaturrecherche oder der Umgang mit digitalen Krankengeschichten.
Problematisch wird es bei der Nutzung von Large Language Models wie ChatGPT. Generische KI-Systeme arbeiten probabilistisch; ihre Antworten beruhen nicht zwingend auf validierten oder leitliniengerechten Quellen. Fehlerhafte Literaturangaben oder scheinbar plausible Falschinformationen bleiben reale Risiken.
Entsprechend setzt die Universität Basel laut eigener Aussage bewusst auf geschlossene Systeme mit redaktionell geprüften Inhalten. Den Studierenden wird eine Lernplattform zur Verfügung gestellt, deren integrierte KI-Anwendung in der Stanford-Harvard-NOHARM-Studie zur Sicherheit medizinischer KI-Systeme unter 31 getesteten Anwendungen die höchste Gesamtbewertung erhielt.

Relevanz zunehmend sichtbar
Prof. Jens Eckstein, Fachverantwortlicher des longitudinalen Curriculums «Digitalisierung in der Medizin», betont dabei den unterstützenden Charakter der Technologie: KI solle keine ärztliche Expertise ersetzen, sondern Recherche, Strukturierung und Lernprozesse erleichtern. Diese Haltung dürfte wegweisend sein. Denn die entscheidende Frage lautet vermutlich nicht mehr, ob zukünftige Ärztinnen und Ärzte mit KI arbeiten werden, sondern vielmehr, wie kompetent sie dies tun.
Gerade im klinischen Alltag wird die Relevanz zunehmend sichtbar. KI-Systeme unterstützen bereits heute die Bildgebung, helfen bei der Strukturierung medizinischer Daten oder kommen im Bereich der Telemedizin und Anamneseerhebung zum Einsatz. Auch an der Universität Basel werden solche Anwendungen bereits praktisch vermittelt, durch Chatbots zum Training von Anamnesegesprächen oder durch Lehrinhalte zu KI in der kardiothorakalen Bildgebung.
Gleichzeitig bleibt eine gewisse Spannung bestehen zwischen Innovationsförderung auf der einen Seite und der Sorge, klassische ärztliche Kompetenzen könnten in den Hintergrund geraten.
Denn Medizin entsteht nicht ausschliesslich aus Informationsverarbeitung. Sie entsteht im Gespräch, in Unsicherheiten, in Zwischentönen, in der Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten. Kein
Sprachmodell erlebt den Moment, in dem das wichtige letzte Detail der Anamneseerhebung im Schweigen einer Patientin liegt. Kein Algorithmus ersetzt klinische Erfahrung, Intuition oder die Verantwortung ärztlicher Entscheidungen.
Darin liegt wohl eine der grössten Herausforderungen der kommenden Jahre: nämlich wie es gelingt, technologische Kompetenz mit menschlicher Urteilskraft zu verbinden.
Die Universität Basel scheint diesen Weg bewusst weder technikgläubig noch kulturpessimistisch zu gehen; es zeichnet sich ein Ansatz ab, der KI als Werkzeug versteht: relevant, hilfreich, teilweise unumgänglich – aber eben nicht als Ersatz für ärztliches Denken.
Die ärztliche Kunst wird dadurch nicht obsolet. Doch neben Lehrbüchern und Stethoskopen werden künftig wohl auch KI-Systeme selbstverständlicher Teil medizinischen Arbeitens sein.

Mona Dean

Assistenzärztin Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Mitglied Redaktion Synapse